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Zehntausende Kriegstote                                  12.11.2003
 Rüdiger Göbel
IPPNW-Studie zeigt Langzeitfolgen der Irak-Invasion auf. Opferzahlen steigen weiter
 
Mit den Auswirkungen des Irak-Krieges auf ihre Gesundheit werden die Menschen im besetzten Zweistromland noch auf Jahre zu kämpfen haben, wenn nicht sogar in den folgenden Generationen. Das ist das Ergebnis des Berichts »Fortgesetzter Kollateralschaden: Die Gesundheits- und Umweltfolgen des Krieges gegen den Irak«, den die internationale Ärzteorganisation IPPNW am Dienstag in Großbritannien und 13 weiteren Ländern vorgestellt hat. Die Medizinerorganisation Medact, britische Sektion der »Internationalen Ärzte zur Verhütung des Atomkriegs« (IPPNW), belegt in der Studie, welch hohen Blutzoll der Krieg gegen den Irak bis jetzt gefordert hat. Vorsichtigen Schätzungen zufolge fielen der »Operation Iraqi Freedom« weit mehr als 20000 irakische Menschen zum Opfer. Zehntausende weitere Iraker wurden verletzt.

Ein internationales Team von Ärzten und Wissenschaftlern trug unter Federführung von Medact in den vergangenen Monaten sämtliche zur Verfügung stehenden Informationen über die Gesundheits- und Umweltfolgen des Irak-Krieges zusammen und wertete sie aus. Ihr Ergebnis: Während auf seiten der Aggressoren 394 Soldaten starben, kamen zwischen 7800 und 9600 irakische Zivilisten ums Leben. Die Schätzungen basieren auf der Auswertung internationaler Presseberichte, das heißt, alle getöteten Iraker, die nicht in Medienberichten auftauchen, wurden nicht mitgezählt. Die Zahl getöteter irakischer Soldaten liegt dem Medact-Bericht zufolge zwischen 13500 und 45000. Dies bedeutet für die Zeit vom 20. März bis 20. Oktober 2003 (dem Redaktionsschluß des Berichts) eine Zahl von Umgekommenen zwischen 21700 und 55000. Auf einen getöteten amerikanischen oder britischen Soldaten kämen damit mindestens 50 bis 140 tote Iraker.

Mindestens 40000 weitere Iraker seien verletzt worden, schätzt der Medact-Report. Und: Die Zahl der Toten und Verletzten steigt weiter an. Durch Streubomben wurden insgesamt 340000 kleine Sprengsätze im Irak abgeworfen. 1000 irakische Kinder wurden bisher durch Munitionsreste, vor allem Sprengsätze, verletzt. Hinzu kämen nach Expertenschätzungen 1000 bis 2000 Tonnen Uran-Munition. Diese steht im Verdacht, für das Ansteigen der Krebsraten im Irak nach dem Golfkrieg 1991 verantwortlich zu sein. Irakischen Experten zufolge ist in den kommenden Jahren mit einem Massensterben in Raten zu rechnen (siehe jW vom 11.11.2003).

Zu den Kriegsverletzungen kommt der generelle Gesundheitsstatus der irakischen Bevölkerung, der schon vor dem Krieg katastrophal war. Eins von acht Kindern starb vor seinem fünften Geburtstag und ein Viertel der Babys wurde unterernährt geboren. UN-Studien zufolge starben allein mehr als 500000 Kinder unter fünf Jahren an den Folgen der 13jährigen Sanktionen. Insgesamt mehr als 1,5 Millionen Iraker sollen das 1990 verhängte UN-Embargo mit ihrem Leben bezahlt haben.

Die nach wie vor mangelhafte Wasserversorgung und der Zusammenbruch der Nahrungsmittelversorgung infolge der US-Invasion habe die Situation der irakischen Kinder weiter verschlechtert, warnte IPPNW gestern. Durchfallerkrankungen, Typhus und Cholerafälle träten vermehrt auf. Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UNICEF) berichtete kürzlich, daß sich die Zahl fehlernährter irakischer Kinder nach dem Krieg verdoppelt hat und sieben von zehn Kindern unter Durchfall litten.

Das irakischen Gesundheitssystem war nicht in der Lage, auf diese Krise zu reagieren. Sieben Prozent der Krankenhäuser wurden während des Krieges zerstört, zwölf Prozent geplündert, Gerät und medizinisches Personal fehlen nach wie vor, heißt es in dem Medact-Report weiter. Impfstoffe und Arzneimittel können aufgrund der immer wieder ausfallenden Stromversorgung nicht ausreichend gekühlt werden.

»Der eingeschränkte Zugang zu sauberem Wasser und sanitären Einrichtungen, die Armut, Unterernährung und die Störung der öffentlichen Versorgung einschließlich der Gesundheitsdienste wird weiterhin schlimme Folgen für den Gesundheitszustand der irakischen Bevölkerung haben«, erklärte die Autorin des Medact-Berichts, Dr. Sabaya Farooq.

»Die gesundheitlichen Folgen des Irak-Krieges werden die Menschen im Irak auf Jahre, wenn nicht Generationen verfolgen«, präzisierte Medact-Direktor Mike Rowson am Dienstag in London. »Die internationale Gemeinschaft hat die Pflicht, die langfristigen Auswirkungen dieses Konfliktes durch Einhalten gemachter Finanzierungszusagen so weit wie möglich zu entschärfen. Zugleich tragen die Geber die Verantwortung, Mittel nicht von anderen Krisenländern abzuziehen«, so Rowson.

Die Ärzteorganisation IPPNW forderte die britische und amerikanische Regierung auf, endlich für ein funktionierendes Gesundheitswesen im Irak zu sorgen und verläßliche Daten über die Erkrankten, Verletzten und Toten in ihrem Besatzungsgebiet zu sammeln. Letzteres lehnt die US-Regierung kategorisch ab.

* Weitere Informationen: www.medact.org; www.ippnw.de
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