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HINTERGRUND (23.09.2006 20:45)

 

Der Schlachtplan ist schon im Weißen Haus

Das überraschende Ende des Neuen Amerikanischen Jahrhunderts

Propaganda-Feldzug in den Medien

 

Von MIKE WHITNEY

 

Washington. (Information Clearing House) "Die Vereinigten Staaten überarbeiten für den Fall, daß die Diplomatie scheitern sollte, Pläne für einen Schlag, um das iranische Atomwaffenprogramm lahmzulegen... Der Plan fordert ein fünf Tage langes Dauerbombardement gegen 400 Schlüsselziele, einschließlich 24 Nuklearstandorte, 14 Militärflughäfen und Radareinrichtungen sowie Hauptquartiere der Revolutionsgarden." Ian Bruce: "USA legen Plan zur Bombardierung des Iran vor" UK Herald: "Die Gerechtigkeit ist das Opfer von Gewalt und Aggression geworden" Der iranische Präsident Mahmud Ahmadinejad am 20. September.

 

Die iranischen Mullahs haben gegenüber der Bush-Administration einen Vorteil, falls der Krieg ausbricht. Sie wissen, was Bush plant. Sie wissen, daß er beabsichtigt, zahlreiche Ziele zu bombardieren, die nichts mit nuklearen Einrichtungen zu tun haben, und sie wissen, daß sein Endziel der "Regimewechsel" ist. Dies paßt in Amerikas größeres Schema für die Region, einheimische Widerstandsbewegungen zu zerschlagen (Hamas und Hisbollah), die Karte des Mittleren Ostens neu zu zeichnen und das Öl des Kaspischen Beckens dem von den Vereinigten Staaten kontrollierten Wirtschaftssystem einzuverleiben.

 

Jüngste Berichte deuten an, daß die Bush-Strategie fortbesteht, trotz Warnungen von hochrangigen Beamten des Pentagon und respektierten Mitgliedern des außenpolitischen Establishment. Ein kürzlich im Time-Magazine erschienener Artikel von Michael Duffy umreißt ein realistisches Szenario für die Anfangsphase des Konflikts.

 

"Es wird ein paar Tage andauern mit Tausenden von Sorties, satelliten- und lasergesteuerte Bomben werden auf die Ziele abgefeuert - 1.500 sind vom Pentagon schon geplant - und versuchen, den Stahlbeton zu durchschlagen, unter welchem einige der Nukleareinrichtungen verborgen sind... Die Einrichtungen sind über das ganze Land verteilt, einige davon in exponierter Lage, andere unter dem Deckmantel regulärer Fabriken arbeitend, wieder andere tief im Boden vergraben... Der militärische Angriff erfordert den Einsatz nahezu aller Flugzeugtypen, über die die Armee verfügt: Kampfflugzeuge und Stealth-Bomber, F-15- und F-16-Flugzeuge, die vom Land aus starten, und die F-18, die von einem Flugzeugträger aus starten.

Solch ein Angriff erfordert satellitengelenkte Waffen und lasergesteuerte Geschosse, ebenso Aufklärungsflugzeuge und unbemannte Flugzeuge. Weil viele Ziele im Boden verborgen sind und mit Stahlbeton verstärkt sind, müssen sie immer und immer wieder getroffen werden, um ihre Zerstörung oder zumindest ihre schwere Beschädigung zu garantieren."

 

Der Oberst der US-Air Force, Sam Gardner, der am National War College Strategie und Militäroperationen lehrte und gerade ein Arbeitspapier mit dem Titel "Überlegungen zur US-Militäroption im Iran" vorgelegt hat, sagte diese Woche bei einem Auftritt in CNN:

 

Der Krieg hat schon begonnen

 

"Es wurde der Befehl erteilt (den Iran anzugreifen). Tatsächlich führen wir seit vielleicht 18 Monaten Operationen durch... Ich habe mit Iranern gesprochen (und sie erzählten mir), sie hätten einige Leute gefangen, die mit ihnen (amerikanischen Spezialeinheiten) gearbeitet hätten. Wir haben die Bestätigung, daß sie dort sind." Gardner fügte hinzu: "Die US-Navy-Einheiten sind in Alarmzustand versetzt worden. Das ist ein bedeutender Schritt... Und der (Schlacht-) Plan wurde an das Weiße Haus übersandt."

 

Die erste Phase des Krieges hat schon begonnen. Die zweite Phase, die Bombardierungen, werden zweifellos folgen, sobald ein lahmer Vorwand für den Beginn der Feindseligkeiten vorliegt. Gegen den Iran kann sein angebliches Atomwaffenprogramm vorgebracht werden oder Bush wird einfach das Recht beanspruchen, gegen UN-Vertragsverletzungen unilateral vorzugehen, aber das sind nur Formsachen. Die Entscheidung zum Angriff auf den Iran wurde schon vor langer Zeit getroffen und paßt außerordentlich gut zu vielen neokonservativen Strategieplänen wie "The Project for the New American Century" ("Das Projekt für ein Neues Amerikanisches Jahrhundert") und "A Clean Break" ("Ein sauberer Bruch"), einer neuen Strategie zur Sicherung der Sphäre. Dem Iran kann die Entwicklung von Kerntechnik nicht erlaubt werden, aus Angst, sie gäbe ihm dann die Möglichkeit, sein Öl zu verteidigen. Das wäre katastrophal für die westlichen Eliten, die die Kontrolle über die Verteilung der schwindenden Weltressourcen planen.

 

Die Falken im Weißen Haus und ihre Kollegen in den Unternehmen erkennen, daß der einzige Weg zur Steuerung des explosiven Wachstums von Amerikas größtem Konkurrenten, China, der ist, dessen Hauptrohstoffquellen zu erobern. Die Hand, die den Ölhahn kontrolliert, regiert die Welt. Daher wurde der Iran ein strategisches Muß für die US-Pläne zur Weltherrschaft.

 

Es bleibt festzuhalten, daß der Iran keine Verstöße begangen hat und daß Bushs Kriegspläne nur ein weiteres Beispiel für einen nichtprovozierten Gewaltausbruch gegen eine friedliche Nation sind. Der Iran stellt keine Bedrohung für die nationale Sicherheit Amerikas dar, er hat seine Nachbarn nicht angegriffen und ist, entgegen der Behauptungen der Bush-Administration, in keine (nachweisbaren) Aktionen des internationalen Terrorismus verwickelt. Er ist einfach das Opfer einer aggressiven Militarismusdoktrin, die brutale Aggression hinter einer lahmen "präemptiven" Ideologie verbirgt, einer Politik, die es den Vereinigten Staaten erlaubt, anzugreifen wen auch immer sie unter der bloßen Annahme auswählen, daß er eine potentielle Bedrohung für den Fortbestand ihrer Vorherrschaft in der Welt darstelle.

 

Über die anderen redet man nicht

 

Der Iran hat keine Kernwaffen und keine Kernwaffenprogramme und er ist jeder Anforderung aus dem Kernwaffensperrvertrag während der letzten drei Jahre nachgekommen. Gleichzeitig hat er sich dem umfassendsten Inspektionsregime in der Geschichte der IAEA unterzogen, dem Wachhund der UN-Atomagentur. Der Agentur wurde freie Hand gegeben, in den iranischen Nukleareinrichtungen "überall hinzugehen und alles anzusehen" und sie kam ständig zu der Feststellung, daß der Iran den Anforderungen "entspreche".

 

Dennoch haben die Vorwürfe der Bush-Administration, unterstützt von einem gut inszenierten Propagandafeldzug in den Medien, bei den UN Aufsehen erregt und die öffentliche Meinung gespalten. Der Öffentlichkeit wird verschwiegen, daß Deutschland gerade zwei Atom-U-Boote an Israel verkauft hat, die Waffen mit Atomsprengköpfen tragen können, oder daß Brasilien sich auf der gleichen Stufe der Anreicherungstechnik wie der Iran befindet oder daß Rußland gerade ein Geschäft mit Südafrika abgeschlossen hat, das es mit nuklearem Brennstoff versorgt, oder daß die Vereinigten Staaten gerade ihre Verpflichtungen aus dem Kernwaffensperrvertrag beiseite gewischt haben, um Indien mit sensibler Kerntechnik zu beliefern. Ungeachtet der zweierlei Maßstäbe dauert die Scharade an, die Kriegspläne werden vorangetrieben und die Gefahr, daß die ganze Region in Brand geraten könnte, vergrößert sich.

 

Bush hat einseitig die klar definierten Rechte des Iran aus dem Kernwaffensperrvertrag zurückgewiesen und die euopäischen Verbündeten haben sich hinter ihm eingereiht. Niemand kann offenbar dem unglaublichen Nötigungspotential der Administration widerstehen.

 

Ironischerweise hat der Iran signalisiert, daß der tote Punkt friedlich überwunden werden könnte, wenn Washington einem Nichtangriffspakt zustimme, welcher garantiere, daß die Vereinigten Staaten den Iran nicht ohne Provokation angriffen. Diese delikate Information wurde ohne Skrupel aus den Medienberichten entfernt, paßt sie doch nicht zum Image des Iran als "terroristischem Tyrannen", zu dem er gemacht werden soll.

 

In einem kürzlich erschienenen Artikel von Gareth Porter "Iran Proposal to US offered Peace with Israel" ("Vorschlag des Iran an die Vereinigten Staaten bot Frieden mit Israel an") stellt der Verfasser fest, daß der Iran 2003 nicht nur angeboten hat, "Frieden mit Israel zu akzeptieren und seine materielle Unterstützung für bewaffnete Palästinensergruppen einzustellen", sondern auch "einen zwei Seiten langen Vorschlag für ein weitgehendes Übereinkommen zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran bezüglich aller beide Staaten betreffender Punkte" gemacht hat. Das Geheimdokument wurde IPS zur Verfügung gestellt und beweist, daß der Iran weder auf die Zerstörung Israels festgelegt ist noch auf die Förderung angeblicher Terroristengruppen.

 

"Was die Iraner im Gegenzug dafür wollten", sagt Porter, "war ein Ende der US-Feindseligkeiten und Anerkennung des Iran als legitime Macht in der Region." Sie wollen "ein Ende des feindlichen Verhaltens der Vereinigten Staaten" sehen und gleichzeitig "Anerkennung der legitimen Sicherheitsinteressen des Iran in der Region mit einer angemessenen Verteidigungskapazität." (ISP). Anerkennung und Sicherheit im Austausch für ein umfassendes Friedensübereinkommen in der Region, das sind die gleichen Forderungen, die man von einer vernünftigen souveränen Nation erwartet.

 

Laut Porter "verweigerte Bush die Erlaubnis zu jeglicher Antwort auf das iranische Angebot, über ein Abkommen zu verhandeln, das das Existenzrecht Israels anerkannt hätte." (IPS)

 

Letzten Monat bestätigte Außenministerin Condoleezza Rice, daß sich die Position der Regierung nicht verändert habe. Sie sagte: "Sicherheitsgarantieen für den Iran wären vom Tisch."

 

Wie kann es Frieden geben, wenn ein Land nicht zustimmen will, ein anderes nicht anzugreifen?

 

Der Iran hat keine andere Wahl, als das Säbelgerassel Bushs ernst zu nehmen und sich auf den Krieg vorzubereiten. Das von der Administration ausgegebene Ziel des "Regimewechsels" stellt eine glaubwürdige "existentielle Bedrohung" für die gegenwärtige iranische Regierung dar und sie muß dementsprechend planen. Sie sollte sich darauf einrichten, daß die Vereinigten Staaten in der massiven Luftschlacht mit Leichtigkeit die Oberhand gewinnen werden, mit der viel iranische Infrastruktur zerstört werden wird und sie auf einer Stufe ähnlich der des Libanon zurücklassen wird. Aber nach dem Bombardement aus der Luft wird der wirkliche Krieg beginnen. (Wie es sich im Irak, in Afghanistan und dem Libanon bewahrheitet hat). Wenn der Iran plant, die andauernde Bedrohung abzuschütteln, die sich aus dem Plan der Neocons zu einer Vorherrschaft in der Region ergibt, muß er sich auf einen jahrzehntelangen Kampf einstellen, der darauf abzielt, die Fähigkeit der Vereinigten Staaten zur Kriegs-führung zu unterminieren. Das bedeutet, sich wahrscheinlich auf Ziele zu konzentrieren, die die Wirtschaft der Vereinigten Staaten zerstören, wie asymmetrische Angriffe auf die Währung, Angriffe auf Tanker, Pipelines, Ölplattformen und Energiestandorte weltweit, die Destabilisierung der US-Verbündeten in der Region (besonders Saudi-Arabien, Ägypten und Jordanien), die Bewaffnung von Guerillaeinheiten in Afghanistan und dem Irak und einer konzertierten Kampagne, um den Ölfluß in die westlichen Märkte zu unterbrechen.

 

Er wird außerdem alles tun, neue Zusammenschlüsse in der Welt zu erreichen in einer Art, die die Vereinten Nationen, welche nur den imperialen Ambitionen der Vereinigten Staaten und ihrer europäischen Verbündeten dienen, herausfordern und schließlich ablehnen. Dafür muß er seine Verbindungen zu Rußland, China, Indien, Venezuela, Brasilien und den neutralen Staaten stärken. Er wird sich darauf konzentrieren, die Vereinigten Staaten von ihren Verbündeten zu isolieren, indem er die Weltmeinung gegen den Aggressor wendet und alles Mögliche tut, die transatlanti-sche Allianz zu zerschlagen. Wenn die Vereinigten Staaten einmal von Europa isoliert sind, werden die NATO und die UN kollabieren und der Krieg wird schnell zu Ende gehen.

 

Ein Krieg gegen den Iran wird katastrophal werden, aber er kann auch den unbeabsichtigten Nebeneffekt haben, eine größere Gleichberechtigung unter den Nationen zu begründen, indem das amerikanisch-europäische Paradigma durch ein gerechteres System ersetzt wird. Er könnte in der Tat unsere Verpflichtung auf die grundlegenden Prinzipien von nationaler Souveränität, Selbstbestimmung und Menschenrechten wiederherstellen.

 

Noch ist der Aufwand bestimmt beträchtlich. Ein Krieg gegen den Iran wird Hunderttausende das Leben kosten, das Modell der Weltherrschaft einer Supermacht stürzen und, sehr wahrscheinlich, das Ende des Neuen Amerikanischen Jahrhunderts bringen.

 

 

 

 

Originaltext unter:

http://informationclearinghouse.info/article15042.htm.

Von "Information Clearing House" genehmigte SE-Übersetzung: LUTZ FORSTER

 

Quelle:

http://www.saar-echo.de/de/prt.php?a=32558

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