12.02.2005
 
Ausland
Rainer Rupp
 
Neue Verdachtsmomente gegen Bush-Regime
 
Washingtoner Administration versuchte, einen Teil des Untersuchungsberichts zum 11. September 2001 verschwinden zu lassen
 
Die Administration von George Bush hat versucht, einen Teil des »9-11-Berichts« der »unabhängigen« Kommission des US-Kongresses zur Untersuchung der Ursachen des 11. Septembers 2001 verschwinden zu lassen. Aus den Passagen geht hervor, daß konkrete Warnungen in den Wind geschlagen wurden. Die Mitglieder der Kommission und ihre Mitarbeiter wollen jedoch erst jetzt bemerkt haben, daß dieser wichtige, für das Weiße Haus äußerst unangenehme Teilbericht bei der Veröffentlichung des Gesamtwerkes von der Bush-Administration unterschlagen worden ist. Dabei geht es um die Untersuchung des US-Bundesluftfahrtamtes FAA über Hinweise und Warnungen auf die bevorstehenden Anschläge in New York und Washington.

Die Angelegenheit kam erst ans Licht, nachdem vor zwei Wochen eine als nicht geheim eingestufte Version des FAA-Teils des 9-11-Reports im Nationalarchiv eingegangen war. Obwohl der Bericht heftig zensiert und in vielen Passagen geschwärzt worden war, ist dennoch ersichtlich, daß von 105 nachrichtendienstlichen Zusammenfassungen der Bedrohungslage, die das FAA zwischen dem 1. April 2001 und 10. September 2001 bekommen hatte, 52 Osama bin Laden, Al Qaida oder beides erwähnen. Allerdings deutet sich auch hier eine erstaunliche Parallele zu ähnlichen Vorgängen bei FBI und CIA an – daß nämlich auch beim FAA ganz offensichtlich an oberster Stelle der Hierarchie alle Warnungen und Hinweise auf die bevorstehenden Anschläge entweder fehlgeleitet, heruntergespielt oder ignoriert wurden. Weil die Berichte auf der Arbeitsebene nicht ankamen, sei das FAA »in eine falsche Sicherheit eingelullt worden«, heißt es u. a. in dem nun vorliegenden Teilbericht.

Derweil hat Kristin Bretweiser, die Witwe eines bei den Anschlägen am 11. September Getöteten, in einem Interview mit der britischen Tageszeitung The Independent am Freitag die derzeitige US-Außenministerin Condoleezza Rice der Falschaussage vor dem US-Kongreß beschuldigt. In ihrer Funktion als »Nationale Sicherheitsberaterin« von Präsident Bush hatte Rice damals behauptet, daß der Regierung keine aktuellen Warnungen vorgelegen hätten und alle Erkenntnisse über die Bedrohung durch Al Qaida lediglich »von historischer Bedeutung« gewesen seien. In dem nun vorliegenden Teilbericht des 9-11-Reports werden jedoch, so Frau Bretweiser, »52 konkrete Hinweise über aktuelle Bedrohungen aufgelistet. Nichts davon ist historisch. Gegenmaßnahmen hätten ergriffen werden können.«

Obwohl das FAA bereits im Frühjahr 2001 alle US-Airports gewarnt hatte, »daß die Entführer nicht beabsichtigen, Geiseln gegen Gefangene auszutauschen, sondern mit einer spektakulären Explosion Selbstmord zu begehen«, habe das FAA lediglich mit Anschlägen in Übersee gerechnet und hätte seine Sicherheitsmaßnahmen im Inland nicht verschärft. Interessant ist in diesem Zusammenhang allerdings die »historische« Meldung aus der New York Times vom 30. Dezember 2001, daß am Morgen des 11. September »zwei Leute, die von den (US) Sicherheitsbehörden des Terrorismus verdächtigt wurden, unter ihrem eigenen Namen zwei unterschiedliche Flugzeuge der American Airlines in Boston besteigen konnten«, um sie dann zu entführen.
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