Die NATO, Afghanistan und eine unerwuenschte Pipeline

Geostrategische Spiele am Hindukusch

Eins der heikelsten Energietransfer-Projekte steht aktuell am Hindukusch zur Disposition: ein Pipeline-Projekt, dass von der US-Regierung als hoch unerwuenscht betrachtet wird, befindet sich in der Vorbereitung: die geplante Roehre koennte den Energiehunger der neuen Industriegiganten Indien und China stillen - mit Erdgas aus dem Iran.

Noch wurden nicht alle Hindernisse fuer das Projekt ausgeraeumt; seine Rationalitaet wiederum ist fuer die Beteiligten unwiderstehlich. Der entscheidende Teil ihrer Trassenfuehrung verlaeuft durch Pakistan. Dort ist das Projekt laengst abgesegnet. Der Auftrag fuer die Pipeline soll abgewickelt werden mit dem Know-How des russischen Erdgas-Lieferanten Gazprom.

Indiens Politik wiederum sieht sich zwischen Baum und Borke: das Interesse an dem Projekt ist gross; gleichzeitig jedoch will man die US-Regierung nicht veraergern, um den Vertrag ueber nukleartechnische Zusammenarbeit und Lieferungen nicht zu gefaehrden.

Das Zoegern der Inder wiederum bringt die Chinesen ins Spiel, die ebenfalls einen stetig wachsenden Energiebedarf zu befriedigen haben.
Chinas Geschaeftsbeziehungen in Pakistan koennen als fortgeschritten und intensiv bezeichnet werden. Zu den prosperierendsten chinesisch-pakistanischen Projekten gehoert die Anlage des Hafens Gwadar mit ausgebauten Umschlagkapazitaeten am indischen Ozean in unmittelbarer Reichweite der Strasse von Hormuz und der arabischen Wirtschaftszentren, ebenso, wie der Bau von Strassen, die von dem neuen Hafen .bis an die chinesische Grenze fuehren. Insoweit sich die Dinge planmaessig entwickeln, koennte Gwadar bald mit den groessten europaeischen und amerikanischen Industriehaefen konkurrieren, da ueber ihn grosse Teile des Warenumschlags zwischen China, den arabischen Laendern und Afrika vorteilhaft abgewickelt werden koennten.

Die vom Iran ausgehende IPI-Pipeline koennte dann - zumindest mit einem Zweig - dem Verlauf des Landwegs nach China folgen.

Der Iran verfuegt ueber die - nach Russland - groessten Erdgasreserven, die mit dem Projekt der IPI-Pipeline dem Betrieb indischer oder chinesischer Kraftwerke zugefuehrt werden koennen.
Diese Nutzung wiederum widerspricht den strategischen Interessen der USA: ihre bisherige weltweite Dominanz beruhte insbesondere auch auf der Kontrolle der Energietransfers aus den wichtigsten Foerderstaaten fuer Oel und Gas, deren Seewege durch die Supermacht kontrolliert wurden.
Eine solche Kontrolle kann nicht mehr gewaehrleistet werden, wenn Energietraeger auf dem Landweg befoerdert werden, durch Regionen, die dem Zugriff der Supermacht nicht oder nicht mehr unterliegen.

Die militaerische Unruhe am Hindukusch, mit der die NATO ihre Praesenz in Afghanistan rechtfertigt, ermoeglicht nun allerdings auch die militaerische Kontrolle der Gebirgsregionen, die ein Landweg zur chinesischen Grenze durchqueren muss.
Nachdem China und Russland von amerikanischer Seite zu den strategischen Gegnern des 21. Jahrhunderts erklaert wurden, ist die Praesenz der NATO in einem Land, von dem aus der Zugang dieser Gegner, ihrer Energie- und Warentransfers von und zu einem der wichtigsten Wirtschaftsraeume der Zukunft ueberwacht werden koennen, von essentieller Bedeutung.

Die Alternative hiesse, alsbald ueberrundet zu werden von den neuen asiatischen Industriegiganten und damit die seit mehr als zwei Jahrhunderten ausgeuebte globale Kontrolle ueber den Lauf der Dinge aus der Hand zu geben. Um eine solche - zweifellos unerwuenschte und unbequeme - Perspektive zu verhindern oder mindestens zu bremsen, kann die Praesenz der NATO am Hindukusch einen wichtigen Beitrag leisten. Das Abfuettern der Medienkonsumenten an der "Heimatfront " mit Scheinargumenten: es ginge um Demokratie und Menschenrechte - bedeutet in diesem Fall nichts anderes, als das "business as usual " der psychologischen Kriegsfuehrung.

Als eine der groessten Gefahren fuer die Laender des Westens muss jedenfalls die fortschreitende kontinentale Integration der asiatischen Laender betrachtet werden, mit der Perspektive, dass diese sich ungehindert ihre Ressourcen verfuegbar machen. Dies muss insbesondere fuer den Iran und seine umfangreichen Energieressourcen gelten: die Etablierung eines Sanktionsregimes ist deshalb unerlaesslich. Ein Zugriff Indiens und Chinas auf diese Ressourcen wuerde ihnen ansonsten einen signifikanten Vorteil verschaffen. Aus diesem Grund war Indien von seiten der USA als Alternative die Zulieferung von Nukleartechnik und der erforderlichen Materialien angeboten worden - um damit abzulenken von der "Versuchung ", sich auf die Perspektiven und Vorteile einer kontinentalen Integration einzulassen.

Diese wird insbesondere von den Laendern der SCO, unter Fuehrung Russlands und Chinas, betrieben: die Beteiligung des Irans aber auch Pakistans an diesem Buendnis wurden laengst angebahnt.. Auch Indien wurde eingeladen und ist assoziiertes Mitglied, verhaelt sich aber bisher distanziert..
Die Position Afghanistans und der NATO-Praesenz im geostrategischen Zentrum dieser sich fortschreitend entwickelnden Kooperationen zwischen den asiatischen Laendern kann deshalb nicht als Zufall eingeschaetzt werden.

---------------------

ein Artikel aus dem globalisierungskritischen Internetmagazin fuer Gegenoeffentlichkeitsarbeit auf www.hh-online.net