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Nachbeben
01.12.2005
 
PESHAWAR/ISLAMABAD/BERLIN
(Eigener Bericht) - Berlin hält seine Militärpräsenz in Kaschmir aufrecht und will sich künftig im Gesundheitssektor der pakistanischen Provinz festsetzen. Damit ist es der deutschen Außenpolitik binnen weniger Monate zum zweiten Mal gelungen, Beiträge zur internationalen Katastrophenhilfe für die dauerhafte Einflussarbeit in einer Krisenzone zu nutzen. Kaschmir befindet sich im Fokus der Auseinandersetzungen zwischen Pakistan und Indien, die um Territorialrechte streiten. Wegen der zwischenstaatlichen Verwerfungen und der Nähe zu China gilt das Gebiet gilt als Schlüsselregion für Südasien. Die im November zu Ende gegangenen Regierungsverhandlungen mit Islamabad bestätigen das deutsche Interesse an regionaler Mitsprache. Berlin hat zugesagt, seine länderspezifischen Zahlungen fortzuführen ("Entwicklungshilfe"), die Projekten der deutschen Außenwirtschaft in Pakistan zu Verfügung stehen. Wie die bundeseigene Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) mitteilt, ist Pakistan "(w)egen seiner strategischen und geographischen Lage" eines der wichtigsten Zielländer der deutschen Entwicklungspolitik.
Kaschmir war bis zu Beginn der Erdbebenkatastrophe am 8. Oktober in weiten Teilen militärisches Sperrgebiet und für Ausländer unzugänglich. Inzwischen sind dort rund 70 Bundeswehrsoldaten stationiert, die dem Einsatzführungskommando in Potsdam-Geltow unterstehen. Die zivilen Aktivitäten der Bundesregierung konzentrieren sich auf den Gesundheitssektor, der zu den künftigen Schwerpunkten deutscher Pakistan-Präsenz gehören wird. Der Aufbau zivil-militärischer Kernzonen ähnelt der deutschen Vorgehensweise in der indonesischen Provinz Aceh, die am Jahresanfang von einem Seebeben heimgesucht und ebenfalls Ziel konzentrierter Einflussmaßnahmen wurde.[1]
Verbindungen nach Zentralasien
Pakistan wird wegen seiner geostrategischen Lage große Bedeutung zugemessen. "Die US-Präsenz in Pakistan und Afghanistan erleichtert es (...), China in Schach zu halten", heißt es in Kreisen der deutschen Entwicklungspolitik über den US-Einfluss in Islamabad.[2] Auch müssten die Verbindungen zwischen islamistischen Gruppen in Pakistan und in zentralasiatischen Staaten in Rechnung gestellt werden. Kaschmir schließlich gilt wegen seiner zentralen Bedeutung für die Beziehungen zwischen Islamabad und New Delhi als Schlüsselregion für den Süden des Kontinents.
Ungenutzte Potentiale
Zu den Schwerpunkten deutscher Entwicklungspolitik in Pakistan gehört die Förderung Erneuerbarer Energien, insbesondere der Wasserkraft. Im gebirgigen Norden des Landes seien "große, bisher ungenutzte Potentiale für diese Form der Energiegewinnung vorhanden", teilt das Entwicklungsministerium mit.[3] Die GTZ berät die pakistanische Regierung "seit vielen Jahren" auf dem Energiesektor, hat mit der Water and Power Development Authority (WAPDA) zusammengearbeitet und kooperiert auch direkt mit dem Wasser- und Energieministerium in Islamabad.[4] Vor dem Hintergrund eines starken Anstiegs der pakistanischen Strompreise seit der Privatisierung des Energiesektors Mitte der 1990er Jahre erhoffen sich deutsche Unternehmen neue "Absatz- und Kooperationsmöglichkeiten".[5]
Pakistan Business Day
Bereits jetzt erzielen deutsche Investoren in der Wasser-Branche hohe Gewinne. Ihnen arbeiten deutsche Entwicklungsorganisationen zu, die als "Berater" tätig sind. Umfangreiche Aufträge beim Bau des Wasserkraftwerks Ghazi Barotha wurden den Unternehmen Züblin und Voith Siemens zugedacht - u.a. aus Geldern des Berliner Entwicklungsministeriums. Lahmeyer International (Bad Vilbel bei Frankfurt am Main) erhielt von der WAPDA die ingenieurtechnische Aufsicht über das Allai Khwar Hydropower Project im Nordwesten des Landes - beraten von der GTZ (Eschborn bei Frankfurt am Main). Inzwischen geht das deutsche Interesse auf den Ausbau der Windenergiekapazitäten in Pakistan über. Erst kürzlich warb der Direktor des Alternative Energy Development Board (AEDB) auf einem "Pakistan Business Day" in Berlin um deutsche Investitionen für die pakistanische Windenergiebranche. Über deren Potential informierte auf der Veranstaltung, die von der Nordafrika Mittelost Initiative der Deutschen Wirtschaft (NMI) organisiert wurde, ein Experte der GTZ.
Bislang vernachlässigt
Der Nordwesten Pakistans, in dem die deutschen Wasserkraft-Aktivitäten kumulieren, ist auch im Rahmen der aktuellen Wiederaufbaumaßnahmen (Fördervolumen: fünf Milliarden Euro) die deutsche Schwerpunktregion. Im Schatten der Wasserkraftwerke siedeln sich neue Industriebetriebe an, denen eine steigende Bedeutung zugeschrieben wird. "Der pakistanische Markt ist bisher noch vergleichsweise wenig von deutschen Unternehmen berücksichtigt worden", heißt es beim Nah- und MittelOst-Verein (NuMOV). Die Organisation kündigt für Anfang Dezember eine Delegationsreise deutscher Unternehmer nach Pakistan an. Den Auftrag erteilte das Berliner Wirtschaftsministeriums.[6]
Perspektivarbeit
Gegen die Ausweitung westlicher Katastrophenhilfe auf ökonomischem und militärischem Gebiet hatten sich nach dem Seebeben im Januar 2005 Regierungsvertreter mehrerer betroffener Länder gewehrt.[7] Hieß es damals, man habe es mit übersteigertem politischem Misstrauen zu tun, so zeigt die gegenwärtige Entwicklung im Kaschmir-Gebiet, dass auf Naturkatastrophen in ärmeren Ländern zwangsläufig Nachbeben folgen - der Einbruch westlicher Staaten, die ihre Hilfspotentiale für geostrategische Perspektivarbeit nutzen.