Die Polizei fand am Freitag eine Leiche, bei der es sich offenbar um den
vermissten Mikrobiologen handelt. Eine formelle Identifizierung steht noch aus,
sagte eine Polizeisprecherin. Ein Freund Kellys, der Journalist Tom Mangold,
sagte: "Er ist tot. Wir sind nun allein mit unserem Gewissen." Kelly
soll eine Quelle für einen BBC-Bericht gewesen sein, wonach die britische
Regierung Geheimdienstberichte über irakische Massenvernichtungswaffen
aufgebauscht hat.
Geheimsdienstangaben aufgebauscht
In dem Bericht hieß es, die Regierung habe Angaben des Geheimdienstes verändert,
um eine stärkere Rechtfertigung für den Irak-Krieg vorlegen zu können.
Umstritten ist insbesondere die Aussage Blairs, der Irak sei innerhalb von 45
Minuten zum Einsatz biologischer oder chemischer Waffen bereit gewesen.
Treffen eingeräumt
Vor dem außenpolitischen Ausschuss des Unterhauses hatte der 59-Jährige am
Dienstag eingeräumt, mit Andrew Gilligan, BBC-Korrespondent für
Verteidigungsfragen, gesprochen zu haben. Er glaube jedoch nicht, dass er die
Quelle für die Story gewesen sei, sagte Kelly. Dies hatte ihm insbesondere
Verteidigungsminister Geoff Hoon öffentlich vorgeworfen.
Selbstmord nicht ausgeschlossen
Jane Kelly habe ihren Mann nach der Befragung im Parlament als sehr aufgebracht
geschildert, sagte der Journalist und Freund Kellys Tom Mangold. "Sie sagte
mir, er habe unter enormen Stress gestanden und sei sehr, sehr verärgert darüber
gewesen, was (dort) geschehen war. Es sei ihm nicht gut gegangen." Ein
Selbstmord wird deshalb nicht ausgeschlossen.
Wurde Kelly fertig gemacht?
Die Regierung habe den "ehrenwerten Dr. Kelly den Wölfen zum Fraß
vorgeworfen", befand der konservative Abgeordnete Sir John Stanley. Wenn
sich Kellys Tod als Selbstmord herausstellen sollte, so dürfte die Regierung -
vor allem nach den öffentlichen Vorwürfen des Verteidigungsministers - dafür
mitverantwortlich gemacht werden.
"Schwere Regierungskrise"
Britische Journalisten spekulierten auch über einen möglicherweise
bevorstehenden Rücktritt von Blairs wichtigstem Berater, seinem
Kommunikationsdirektor Alastair Campbell. Das Unterhaus werde nun wohl aus der
Sommerpause zurückgerufen werden. Kelly sei das Opfer eines politischen
"Spiels" geworden, sagte der Chefredakteur des Magazins "The
Spectator", Peter Oborne, und fügte hinzu: "Dies ist eine schwere
Regierungskrise".
Leiche im Wald gefunden
Nach Angaben seiner Familie hatte Kelly am Donnerstag bei strömenden Regen ohne
Mantel sein Haus in Oxfordshire zu einem Spaziergang verlassen. Als er gegen
Mitternacht noch nicht zurück war, alarmierte seine Familie die Polizei. Die
Leiche wurde in einem Wald in der Nähe gefunden.
Sieben Jahre im Irak nach Waffen gesucht
Kelly arbeitete im Verteidigungsministerium. Nach dem Golfkrieg 1991 hatte er im
Auftrag der Uno sieben Jahre lang im Irak nach Massenvernichtungswaffen gesucht.
"Der Mann hatte einen messerscharfen Verstand," sagte TV-Reporter
Mangold. "Es gab nichts, was er nicht über biologische Kriegsführung
wusste und kaum etwas, was er nicht über Massenvernichtungswaffen wusste."
Kelly sei der Inspektor gewesen, den der frühere irakische Präsident Saddam
Hussein aus dem Irak werfen wollte, weil er wirklich gewusst habe, was dort vor
sich gehe.