Kellys Tod erhöht Druck auf Blair

Regierungsberater David Kelly: Seltsamer Todesfall (Foto: Reuters)Der wahrscheinliche Tod des früheren UN-Waffeninspekteurs David Kelly bringt die britische Regierung weiter in Bedrängnis. Premierminister Tony Blair kündigte eine unabhängige Untersuchung an. Er sei sehr erschüttert und fühle mit der Familie Kellys, sagte ein Sprecher. Oppositionspolitiker forderten die vorzeitige Rückkehr Blairs von seiner Asienreise.
Formelle Identifizierung steht noch aus
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Die Polizei fand am Freitag eine Leiche, bei der es sich offenbar um den vermissten Mikrobiologen handelt. Eine formelle Identifizierung steht noch aus, sagte eine Polizeisprecherin. Ein Freund Kellys, der Journalist Tom Mangold, sagte: "Er ist tot. Wir sind nun allein mit unserem Gewissen." Kelly soll eine Quelle für einen BBC-Bericht gewesen sein, wonach die britische Regierung Geheimdienstberichte über irakische Massenvernichtungswaffen aufgebauscht hat.

Geheimsdienstangaben aufgebauscht
In dem Bericht hieß es, die Regierung habe Angaben des Geheimdienstes verändert, um eine stärkere Rechtfertigung für den Irak-Krieg vorlegen zu können. Umstritten ist insbesondere die Aussage Blairs, der Irak sei innerhalb von 45 Minuten zum Einsatz biologischer oder chemischer Waffen bereit gewesen.

Treffen eingeräumt
Vor dem außenpolitischen Ausschuss des Unterhauses hatte der 59-Jährige am Dienstag eingeräumt, mit Andrew Gilligan, BBC-Korrespondent für Verteidigungsfragen, gesprochen zu haben. Er glaube jedoch nicht, dass er die Quelle für die Story gewesen sei, sagte Kelly. Dies hatte ihm insbesondere Verteidigungsminister Geoff Hoon öffentlich vorgeworfen.

Selbstmord nicht ausgeschlossen
Jane Kelly habe ihren Mann nach der Befragung im Parlament als sehr aufgebracht geschildert, sagte der Journalist und Freund Kellys Tom Mangold. "Sie sagte mir, er habe unter enormen Stress gestanden und sei sehr, sehr verärgert darüber gewesen, was (dort) geschehen war. Es sei ihm nicht gut gegangen." Ein Selbstmord wird deshalb nicht ausgeschlossen.

Wurde Kelly fertig gemacht?
Die Regierung habe den "ehrenwerten Dr. Kelly den Wölfen zum Fraß vorgeworfen", befand der konservative Abgeordnete Sir John Stanley. Wenn sich Kellys Tod als Selbstmord herausstellen sollte, so dürfte die Regierung - vor allem nach den öffentlichen Vorwürfen des Verteidigungsministers - dafür mitverantwortlich gemacht werden.

"Schwere Regierungskrise"
Britische Journalisten spekulierten auch über einen möglicherweise bevorstehenden Rücktritt von Blairs wichtigstem Berater, seinem Kommunikationsdirektor Alastair Campbell. Das Unterhaus werde nun wohl aus der Sommerpause zurückgerufen werden. Kelly sei das Opfer eines politischen "Spiels" geworden, sagte der Chefredakteur des Magazins "The Spectator", Peter Oborne, und fügte hinzu: "Dies ist eine schwere Regierungskrise".

Leiche im Wald gefunden
Nach Angaben seiner Familie hatte Kelly am Donnerstag bei strömenden Regen ohne Mantel sein Haus in Oxfordshire zu einem Spaziergang verlassen. Als er gegen Mitternacht noch nicht zurück war, alarmierte seine Familie die Polizei. Die Leiche wurde in einem Wald in der Nähe gefunden.

Sieben Jahre im Irak nach Waffen gesucht
Kelly arbeitete im Verteidigungsministerium. Nach dem Golfkrieg 1991 hatte er im Auftrag der Uno sieben Jahre lang im Irak nach Massenvernichtungswaffen gesucht. "Der Mann hatte einen messerscharfen Verstand," sagte TV-Reporter Mangold. "Es gab nichts, was er nicht über biologische Kriegsführung wusste und kaum etwas, was er nicht über Massenvernichtungswaffen wusste." Kelly sei der Inspektor gewesen, den der frühere irakische Präsident Saddam Hussein aus dem Irak werfen wollte, weil er wirklich gewusst habe, was dort vor sich gehe.

rtr/dpa/ckr