junge Welt vom 10.01.2005
 
Ausland

Irak-Krieger setzen auf Todesschwadrone

USA und Großbritannien prüfen bisherige Militärstrategie. Pentagon erwägt Einsatz irakischer Kollaborateure. 14köpfige Familie von US-Bombe getötet

Rüdiger Göbel
 
Angesichts der zunehmenden Erfolge irakischer Widerstandsgruppen haben die britische und die US-Regierung Militärexperten in das besetzte Zweistromland geschickt, um die bisherige Strategie der Aufstandsbekämpfung zu überprüfen und gegebenenfalls zu korrigieren. London will laut Sunday Telegraph zudem zusätzliche 650 britische Soldaten entsenden – zum »Schutz der Wahlen« am 30. Januar, so die offizielle Sprachregelung. Die US-Regierung setzt dagegen auf unmittelbaren Terror: Wie das US-Magazin Newsweek am Wochenende berichtete, prüft das Pentagon die Rekrutierung kurdischer Peschmerga-Kämpfer und schiitischer Milizen für die Jagd auf führende Widerstandskämpfer. Diese Todesschwadrone sollen von US-Militärs ausgebildet und unterstützt werden. Sie agieren unkontrolliert neben den regulären Streitkräften. Vorbild ist der schmutzige Krieg gegen die linke FMLN-Guerilla im lateinamerikanischen El Salvador in den 80er Jahren.

 

Erst am Freitag (Ortszeit) hatte US-Brigadegeneral David Rodriguez in Washington erklärt, Widerstandskämpfer im Irak würden zunehmend stärkere Bomben einsetzen. Als Beispiel führte er den präzisen Anschlag auf einen Bradley-Schützenpanzer am Donnerstag in Bagdad an, bei dem alle sieben Besatzungsmitglieder getötet wurden.

 

Nach einem Bombenangriff auf eine US-Patrouille südlich von Bagdad schossen amerikanische Soldaten wild um sich und töteten mindestens zwei irakische Polizisten sowie drei Zivilpersonen, wie die Polizei am Sonntag mitteilte. Nach Krankenhausangaben gab es acht Tote und zwölf Verletzte.

 

Im Nordirak wurde unterdessen eine ganze Familie ausgelöscht. Im Dorf Aitha südöstlich von Mosul warf ein amerikanisches Kampfflugzeug am Samstag eine 500-Pfund-Bombe auf ein Wohnhaus und tötete dabei 14 Bewohner. Fünf weitere Iraker wurden verletzt. Bei dem Angriff handelte es sich um einen »Irrtum«, wie die US-Armee später mitteilte. Während die Besatzungstruppen von »nur« fünf Opfern sprachen, erklärte ein Fotograf der Nachrichtenagentur AP, er habe die Leichen von sieben Erwachsenen und sieben Kindern gesehen.

 

Der »Zwischenfall« habe sich während der Suche nach Aufständischen ereignet, erklärte die US-Armee. Dabei habe ein F-16-Kampfflugzeug eine lasergesteuerte Präzisionsbombe über einem Haus abgeworfen, das eigentlich hätte durchsucht werden sollen. »Das Haus war nicht das beabsichtigte Ziel des Luftangriffs. Das eigentliche Ziel war ein anderer Ort in der Nähe.« Der Vorfall werde untersucht, teilten die Besatzungstruppen weiter mit. Die Armee bedauere »zutiefst den Verlust möglicherweise unschuldigen Lebens«. Der Internetdienst freace.de bemerkte hierzu richtig, de einzige Frage, die sich angesichts dieser Sprachwahl stelle, sei, »ob es der Tod von 14 unschuldigen Zivilisten oder diese Reaktion des US-Militärs ist, die weitere Iraker dazu bringt, sich dem Widerstand anzuschließen«.

 

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Ausdruck erstellt am 10.01.2005 um 19:03:45 Uhr