Greenpeace: Dörfer um Bagdad radioaktiv verseucht

Die Dörfer rund um die Nuklearanlage Tuwaitha bei Bagdad sind radioaktiv verseucht. Das hat die Umweltschutzorganisation Greenpeace herausgefunden. Die radioaktiven Werte rund um den größten Atomkomplex des Iraks bis zu einem Tausendfachen über dem Normalwert. Die Anlage war nach dem Sturz des Regimes geplündert worden.

Bis zum Zehntausendfachen über Normalwert
In einem Haus nahe der etwa 20 Kilometer südlich von Bagdad gelegenen Atomanlage sei der Wert sogar zehntausend Mal höher, berichtet Greenpeace. Bei seinen Messungen auf dem Gelände einer Grundschule für 900 Kinder habe das Team der Umweltorganisation den 3000-fachen Wert festgestellt.

Greenpeace: Menschen in der Region extrem gefährdet
Die Strahlung gefährde noch immer Zehntausende Menschen in der Region. "Würde so ein nukleares Desaster in einem westlichen Land passieren, wären hier schon Schwärme von Experten und Entsorgungsteams am Werk und die Menschen erhielten medizinische Hilfe", sagt ein Sprecher der Organisation.

 

"Gelbes Pulver" in einen Bach gekippt
Auf der Suche nach Wertgegenständen und Waffen hatten im April plündernde Iraker die vor dem Sturz des Regimes streng abgeschirmte Atomanlage durchforstet. Da sie nichts von der Gefährlichkeit des Materials wussten, nutzten sie Fässer aus der Anlage zur Aufbewahrung von Lebensmitteln. Nach Angaben eines Anwohners kippten die Plünder "gelbes Pulver" aus einem Behälter in einen getrockneten Bachlauf. Möglicherweise handelte es sich bei dem Pulver um "Yellow Cake", ein Zwischenprodukt bei der Gewinnung spaltbaren Urans.

Plünderer haben Angst vor Strafe
Der Direktor des Krankenhauses in Tuwaitha, Abdulla Karim, ist seit den Tagen der Plünderung höchst alarmiert. Mit Reihenuntersuchungen und Bodenproben könne die Gefahr geklärt werden. "Wir hören Berichte von Leuten, die von radioaktiver Strahlung Verbrennungen haben. Sie trauen sich aber nicht ins Krankenhaus, weil sie Strafe für die Plünderungen fürchten", sagt er.

Weltweite Beunruhigung
US-Soldaten hatten zunächst nur zugesehen, wie die Anlage ausgeraubt wurden. Dann berichteten Medien unter Berufung auf Kreise der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO), nahezu das gesamte nukleare Material aus Tuwaitha habe sich wieder eingefunden.

Besatzungsmächte schirmen Anwohner ab
Vor einem solchen Szenario hatte die IAEO nach Angaben von Greenpeace noch im April gewarnt und von den Besatzungsmächten verlangt, die Kontrolle der Anlage so schnell wie möglich zu übernehmen. Erst am 21. Mai 2003, sechs Wochen nach Kriegsende, hätten die USA der IAEO erlaubt, in den Irak zurückzukehren und zu prüfen, was in der Anlage gestohlen worden war. Der Zugang zu den Bewohnern der Region und zu anderen Atomanlagen werde der IAEO nach wie vor verweigert