GIs erschießen irakischen Bürgermeister (indymedia)

von Wal Buchenberg - 11.11.2003 08:47

Der von der amerikanischen Besatzungsmacht im Irak eingesetzte Bürgermeister Mohannad Ghazi el Kaabi von Sadr City, einer Trabantenstadt vor Bagdad ist von US-Soldaten auf offener Straße erschossen worden, weil er ihren Befehlen nicht gefolgt sei.
Ein weiterer Schritt zur Vietnamisierung des Irak.

Vietnamisierung Iraks: GIs erschießen einen Bürgermeister
Der von der amerikanischen Besatzungsmacht im Irak eingesetzte Bürgermeister Mohannad Ghazi el Kaabi von Sadr City, einer Trabantenstadt vor Bagdad ist von US-Soldaten auf offener Straße erschossen worden, weil er ihren Befehlen nicht gefolgt sei.
(Quelle:  http://www.vienna.at/Pubs/Redaktion/Welt/Welt-106570.shtm)

Dieser Vorfall beweist die zunehmenden Spannungen zwischen den US-Besatzern und ihren irakischen Marionetten.
"Der Ton zwischen der Besatzungsmacht USA und dem provisorischen irakischen Regierungsrat wird zunehmend rauer. Ursache sind Berichte, wonach die Regierung von US-Präsident George W. Bush über Alternativen zum Regierungsrat nachdenke, (...)
US-Vizeaußenminister Richard Armitage antwortete dagegen am Montag in Kairo auf eine Frage nach dem Abzug der Besatzungstruppen: "Wem sollen wir die Macht (im Irak) denn übergeben? Das ist doch die entscheidende Frage". (Quelle: ftd.11.11.03)

Gleichzeitig spricht die US-Regierung nun wieder offiziell von einem "Krieg", den sie im Irak führt. Das dient den US-Truppen als Rechtfertigung, mit Luftangriffen und Flächenbombardements "Strafaktionen" nach israelischem Muster durchzuführen.
Seit Sonntag fliegt die US-Armee wieder Luftangriffe im Irak.
"F-16 Kampfbomber warfen drei Bomben nahe der Stadt Falludscha ab, die als eines der Zentren des Widerstandes gegen die US-Besatzungstruppen gilt. Der Operation seien Angriffe auf US-Truppen vorausgegangen, hieß es ohne Angabe von Details aus der Armee.

In der Gegend westlich Bagdads hatten Untergrundkämpfer vor einer Woche einen US-Transporthubschrauber abgeschossen, wobei 16 Amerikaner getötet wurden. US-Kampfflugzeuge hatten bereits in der Nacht zum Samstag vermutete Verstecke von Aufständischen bei Tikrit angegriffen. (...) Die Bombardements waren zugleich die ersten US-Luftangriffe im Irak seit dem Ende der Hauptkampfhandlungen am 1. Mai." (Quelle: ntv.de)

Da die irakische Armee längst zerschlagen ist, gibt es im Irak keine militärischen Ziele für US-Luftangriffe. Der Krieg, der jetzt geführt wird, ist ein Krieg gegen das irakische Volk. Die Vietnamisierung des Irak tritt in eine neue Stufe.


Auch in den USA findet dieser Krieg keine mehrheitliche Unterstützung mehr:
"Nur 48 Prozent der amerikanischen Bevölkerung unterstützten ihn noch, wie aus der Befragung des Annenberg Public Policy Centers hervorging. " (Quelle:  http://www.vienna.at/Pubs/Redaktion/Welt/Welt-106570.shtm)

Wal Buchenberg, 11.11.03
 
ERGÆNZUNGEN

trivia
weist 11.11.2003 16:13

Sadr City = Saddam City, jetzt umbenannt nach dem vom Regime ermordeten Vater des jetzigen Chefs der Mahdi-Armee (iran-nah). Der Bürgermeister hatte sich kesserweise das Recht herausgenommen, aufs Gelände seines Amtssitzes zu fahren. Daraufhin reagierten die US-.Wachsoldaten, wie mensch das ja schon kennt: panisch.

Die Bombardierungen der USAF erfolgen auf (angeblich oder tatsächlich) verlassene Gebäudekomplexe, Bauernhöfe etc, damit dort in Zukunft keine Hinterhalte gelegt werden können. Wie ich diese Iraker kenne, wird irgendwann irgendwer vor Gericht ziehen, um Schadensersatz zu fordern ;-) Konkrete Auswirkungen dürften die Luftangriffe jedoch nicht haben, außer, daß die Besatzung noch ein paar Dutzend Leuten mehr zum Hals raushängt.

IPPNW (Ärzte zur Verhinderung eines Atomkriegs International) haben einen follow-up-Bericht, Continuing Collateral Damage (Collateral Damage war ihre Prognose der Kriegsfolgen Ende 2002) herausgebracht: bislang forderte der Krieg die Leben von ca. 20000 Irakis, davon ca. 40% Zivilisten:  http://www.ippnw.org/ContinuingCollDamExSum.html (Download dort).

Auf  http://www.iraqwar.ru bzw. den dortigen Bildergalerien ('galeriya', wenn ihr kyrillische Schrift lesen könnt bzw. auf die US/UK-Fahne klicken und 'gallery' - die russische und die engliche Galerie sind nicht identisch!) finden sich insgesamt 4 Bilder des am 28.10. bei Baquba zerstörten US-Panzers (2 Tote, 1 Schwerverletzter). Sieht aus, als wäre es entweder ein Megaglückstreffer gewesen oder als hätten die Mujahedin irgendwoher modernste Antipanzerminen - einen state-of-the-art-Panzer mit einer blöden Mine so zuzurichten, daß der Turm weggesprengt wird und n Dutzend Meter entfernt landet, ist nicht gerade alltäglich.

Zudem geht seit ein paar Tagen auch in Basra die Post ab - die Schonfrist der Briten, die versucht haben, nicht die Oberbesatzer heraushängen zu lassen (und damit mehrere Monate lang sehr erfolgreich waren) scheint abgelaufen zu sein, bzw der Widerstand nimmt zunehmend nationalistische Züge an a la Irak den Irakern - auch wenn die so ausgepowert sind, daß sie ihr Land nicht mehr ohne externe Unterstützung auf die Beine kriegen.

Es läßt sich weiterhin die mehrfach erwähnte Trennung zwischen einem militärischen und einem paramilitärischen Teil des Widerstands beobachten - die regulären Kriegshandlungen laufen mit langsam steigender Erfolgsquote weiter (es werden kaum jemals Mujahedin gefaßt oder getötet), während sich die Anschläge auf 'weiche', also zivile Ziele, in den letzten 2 Monaten oder so enorm ausgeweitet haben. Siehe heute: Anschläge auf ein Gerichtsgebäude in Baghdad (6-9 Verletzte), ein IED (improvised explosive device) tötet 4-6 in Basra, offenbar allesamt Zivilisten. Angriffe auf Koalitionstruppen werden aus al-Fallujah und Tikrit gemeldet*. Es fällt schwer, zu glauben, daß der Hintergrund der Leute, die mit Panzerfäusten auf US-Konvois und mit MANPADS auf US-Hubis schießen und einigermaßen häufig treffen und der Leute, die einfach irgendwo ne selbstgebastelte Bombe anbringen, auch WENN die, für die sie vorgeblich kämpfen, dabei draufgehen, identisch ist. Anzumerken wäre aber, daß ich keinen Hinweis habe, daß diese Trennung zwischen regulärer Guerilla und terroristenähnlichen Paramilitärs signifikant den Trennlinien zwischen verschiedenen Gruppen des Widerstands folgt, wenn es auch wahrscheinlich ist, daß letztere Leute eher unter dem zu finden sind, was man halbwissend in den großen Topf namens al-Qaeda schmeißt, erstere (also die, die den Krieg wirklich weiterführen) lustigerweise die zu oft erwähnten 'Saddam-Loyalisten' sein dürften - diese haben den besten Zugang zu den Restposten der irakischen Armee, und zu ihrem Personal. Saddam-Anhänger als ehrenhaftere Kämpfer quasi, oder als jedenfalls nicht komplett moralisch verdammenswerte? Nun, da das Regime nicht mehr existiert (und realistisch betrachtet auch nicht mehr zurückkommen wird, dafür ist das Feld einfach zu voll mit neuen Spielern), solls mir recht sein. Die 'professionelle' Guerilla jedenfalls ist immerhin für extrem wenige kollaterierte Zivilisten verantwortlich - für weniger als jede andere Kriegspartei -, und wenn es dort unten irgendetwas wie 'heroische' Fedayyeen gibt, dann sind es diese Leute, für die der Krieg als Kampf von Soldaten gegeneinander nie aufgehört hat. Denn wenn sich Soldaten gegenseitig umbringen - what me worry? Die Leute hätten ja auch Schlosser werden können, oder Sysadmin, oder Gärtner. Wer sich den Schuh anzieht...

Generell empfehle ich aber die irakischen Blogs zu lesen, wenn ihr einen Eindruck der Lage der hearts and minds unserer GefährtInnen dort unten bekommen wollt. Ich kann nur versuchen, irgendiwe Sinn in das, was da abgeht zu bringen, was zugegebenermaßen einfacher ist als in Afghanistan: die Anzahl der Menschen im Irak, deren mindset unserem eigentlich recht ähnlich ist, ist enorm hoch. 'S sind halt Moslems, aber abgesehen davon ticken 'ne Menge urbane Irakis Mitte-Ende 20 auch nicht anders als z.B. Griechen oder Portugiesen in diesem Alter, in ihren Hoffnungen und Träumen, in dem was sie bewegt und worüber sie sich Gedanken machen.


* Will man einen Termin nennen, an dem auch der Norden des Landes (wieder) Kampfgebiet wurde, scheint mir der 20.-22.7. am geeignetsten. Bis dahin war es nämlich nördlich von Baiji sehr ruhig; am 20. wurde bei Tal Afar ein US-Konvoi (ich glaube special forces) angegriffen, 2 Tote, und seitdem gibt es dort dauernd Gefechte. Am 22. wiederum fanden die beiden Hussein-Bengel ihr wohlverdientes Ende, und die Koalition glaubte ein paar Tage (so ca. 2) ernsthaft, jetzt sei Ruhe im Karton.
Ich bevorzuge den 20.7. als Zeitpunkt des Wiederaufflammens der Kämpfe im Norden, weil ein Zusammenhang mit dem Tod der Husseins sich ansonsten aufdrängt, aber eher abwegig ist (die Leute dort oben waren nie so die Saddam-Fans, obwohl Anfal sich weiter östlich abspielte)