Die Söldner der Lüge

Von Uwe Wolff (New York)

Der Krieg der USA gegen den Irak hat längst begonnen. Das Pentagon hat schon vor Monaten seine ersten Krieger in Stellung gebracht, die aus allen Rohren feuern. Ihre Munition: W-Waffen, also Wörter, Propaganda. Ihre Generäle: große Public Relations-Agenturen aus den USA. Ihr Schlachtplan: die Weltöffentlichkeit gegen Saddam Hussein aufzubringen, um den Weg für einen Krieg freizumachen.

Die US-Armee wirbt um Freiwillige (Foto: AP)Meinungsmache gegen Geld
Kaum eine politische Auseinandersetzung, keine Invasion und keinen Krieg mehr, der nicht von PR-Agenturen begleitet oder eingeleitet wird. Wie bereits beim ersten Golf-Krieg oder den Balkan-Kriegen gehen den Soldaten erst einmal die Männer im feinen Zwirn und Aktenkoffer voraus. Sie sind Söldner des Wortes, die sich für den jeweiligen Auftrag mieten lassen. Gegen viel Geld krempeln sie die Meinung von ganzen Völkern um, bringen sie gegeneinander auf - und alles im Dienst ihrer Herren, also meist Politiker.

Kennen weder Freund noch Feind
Die Namen dieser Polit-PR-Giganten haben inzwischen einen genauso zweifelhaften Klang wie der ihrer Kunden: The Rendon Group (TRC), Hill & Knowlton und Ruder-Finn. Ihre Klienten: Neben seriösen Unternehmen werden sie auch von gefährlichen Sekten, Diktatoren, Waffenhändlern, Geldwäschern und Regierungsapparaten wie dem Pentagon, der CIA und dem Weisse Haus geheuert. Dabei kennen die Agenturen weder Freund noch Feind oder Gut und Böse. Für sie zählt einzig und allein der lukrative Auftrag - der erfolgreich erledigte Auftrag.

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"Ich bin ein Informationskrieger"
"Ich bin ein Informationskrieger" brüstete sich John W. Rendon, Chef der amerikanischen Public Relations Agentur "The Rendon Group" (TRC). Seine Agentur wurde noch im Oktober 2001, also bereits einen Monat nach dem Anschlag auf das World Trade Center, vom Pentagon angeheuert, um die USA in der muslimischen Welt sympathischer darzustellen, damit der "Krieg gegen den Terror" im Nahen Osten leichter von der Hand geht.

PR-Berater sollte Sturz Saddams vorbereiten
Rendon, früher Wahlkampfberater von US-Präsident Jimmy Carter, hat Erfahrung im globalen Informationskrieg. So bereitete er die US-amerikanischen Invasion in Panama gegen den einstigen USA-Freund General Noriega durch geschickte Unterstützung der Opposition vor. Rendon war es auch, der von der US-Regierung nach dem ersten Golfkrieg Geld bekam, um eine Opposition im Irak aufzubauen, die Saddam stürzen sollte.

Kampagne zum Golfkrieg heftig umstritten
Mit der wachsenden Kriegsgefahr im Nahen Osten rücken nun auch wieder die Propaganda-Söldner ins Rampenlicht. Inzwischen müssen allerdings die drei Großen im politischen PR-Business selbst stark aufpassen, dass sie nicht zu sehr unter Beschuss geraten: The Rendon Group, Hill & Knowlton und Ruder-Finn sehen sich zunehmend dem lautstarken Vorwurf des unethischen Verhaltens ausgesetzt. Aus gutem Grund: Eine der berüchtigsten, teuersten und wohl auch einflußreichsten Kampagnen stammt von der internationalen PR-Firma Hill & Knowlton mit Stammsitz New York. Nach der Besetzung von Kuwait durch den Irak bezahlten reiche Kuwaitis über eine Frontgruppe "Citizens for a Free Kuwait" 10,8 Millionen Dollar, um eine Kampagne gegen den Irak und für eine allierte Militärintervention loszutreten. Mit H&K trafen die Kuwaitis eine gute Wahl.

Berichte über irakische Grausamkeiten
Die PR-Strategen kreierten Nayirah, ein 15jähriges kuwaitische Mädchen, das in einem Krankenhaus in Kuwait City gearbeitet haben soll. Mit stockender Stimme berichtete sie vor laufender Kamera, wie irakische Soldaten Babys aus den Brutkästen rissen, die Inkubatoren mitnahmen und die Säuglinge auf dem kalten Klinikboden sterben ließen. Die Welt war entsetzt über so viel Grausamkeit der Iraker. Die Medien liefen heiß und Politiker empörten sich. US-Präsident Bush zitierte die Aussage das Mädchens. Die Delegierten der Uno schüttelten den Kopf und stimmten für einen Krieg gegen den Irak, der letztendlich mehr als 100.000 Menschen das Leben kostete.

Aussage war schlicht erfunden
Erst später stellte sich heraus, daß die Aussage von Nayirah nichts anderes als eine blanke Lüge war. Hinzu kam noch, daß die angeblichen Krankenhauspraktikantin die Tochter von Scheich Saud Nasir al-Sabah war, dem ehemaligen kuwaitschen Botschafter in den USA. Die verspäteten Versuche der Medien, mit dem Mädchen zu sprechen, um ihre Aussage zu verifizieren, verliefen im Sand der kuwaitischen Wüst

Und mehr noch: Im Zuge ihre Propagandafeldzuges schafften es H&K, ein mageres Propagandabuch über irakische Greueltaten mit dem Titel "The Rape of Kuwait" durch geschickte Vertriebs- und Verkaufsstrategien so zu lancieren, dass es schließlich sogar auf Platz zwei der angesehen New York Times Bestsellerliste landete. H&K selbst verbreitete sogenannte "Video News Releases", die die angeblichen Greueltaten der Iraker bildhaft illustrierten. TV-Stationen rund um die Welt sendeten unbedacht das professionell aufgemachte Propagandamaterial. In nur wenigen Fällen erfuhren die Zuschauer etwas über die Quelle des Films.

Imagepolitur für umstrittene Regime
So hatte die PR-Agentur Hill & Knowlton schon am ersten Tag des allierten Luftkrieges gegen den Irak ihren Sieg eingefahren. Dass die Firma nur wenig Skrupel kennt, zeigt alleine die Liste ihrer "Kunden": Für Menschenrechtsverletzungen berüchtigte Staaten wie China, Peru, die Türkei und Indonesien bezahlten gutes Geld, um ihr blutiges Image aufzupolieren. Alleine die Türkei bezahlte für die Dienste von H&K in der Zeit zwischen November 1990 und Mai 1992 insgesamt 1,2 Millionen Dollar.

Diktatoren und Waffenhändler als Kunden
Auch der blutrünstige, haitianischen Diktator Duvalier engagierte H&K um sein Schlächter-Image aufzuhübschen. Craig Fuller von H&K - einst Stabschef des damaligen Vizepräsidenten George Bush - zimmerte Kampagnen für den Vatikan zusammen, der sich gegen Abtreibungen wehrte und gestaltete Image-Kampagnen für die Moon-Sekte und die Scientologen. Die berüchtige BCCI Bank in London, die 32 Millionen Dollar Drogengelder des Medellinkartells gewaschen hatte, steht genauso auf der H&K-Kundenliste, wie Waffenhändler Adnan Kashoggi und das Internationale Olympische Kommittee (IOC), das sein Image als internationale Vereinigung von korrupten und raffgierigen Sportfunktionären aufpolieren wollte. Daß H&K dabei auch noch beste Kontakte zur CIA nachgesagt werden, ist vor dem Hintergrund ihrer illustren Kundschaft vielleicht gerade mal als Dreingabe zu verstehen.

"Rolle in der Weltgeschichte"
Jack O'Dwyer, Herausgeber des PR-Branchenblattes "O'Dwyer's PR Services": "Hill & Knowlton ... haben eine Rolle in der Weltgeschichte eingenommen, wie es bisher noch keine andere PR-Firma geschafft hat."

Krieg vor dem Krieg gewonnen
Ähnlich hartleibig verhielt sich auch die Konkurrenzagentur Ruder-Finn, die übrigens für Volkswagen den neuen "Beetle" in den USA bekannt gemacht hat. Als vor einigen Jahren die ersten Nato-Raketen in Jugoslawien einschlugen, konnte sich James Harff befriedigt in seinen Sessel zurücklehnen, denn der Amerikaner hatte an diesem Tag geschafft, was die Nato erst noch bewerkstelligen musste: Er hat den Krieg gegen die Serben gewonnen, einen Krieg, der mindestens so hinterhältig und schmutzig war, wie das Gemetzel auf dem Balkan.

Kosovo-Albaner heuerten PR-Agentur an
James Harff war damals Direktor der in Washington ansässigen Public-Relations-Firma Ruder-Finn Global Public Affairs. Seine Auftraggeber, die oppositionellen Kosovo-Albaner, hatten die Firma geheuert, um die westlichen Militärmächte für ihre Sache zu gewinnen. Harff hatte seine Sache gut gemacht. Über Monate hinweg hatte seine PR-Agentur in Bild und Wort versucht, die Serben als die Nazis vom Balkan zu brandmarken.

"Das war ein unglaublicher Coup"
Zeugenaussagen vergewaltigter Frauen, professionell gedrehte Bilder von serbischen Konzentrationslagern und Massengräbern lösten bei den einflußreichen jüdischen Organisationen in den USA schmerzhafte Erinnerungen an das Dritte Reich aus. "Das war ein unglaublicher Coup", soll Harff triumphiert haben. "Als die jüdischen Organisationen dem Spiel auf Seiten der bosnischen Moslems beitraten, konnten wir ganz leicht die Serben in der öffentlichen Meinung mit den Nazis gleichstellen."

Öffentlichkeit durch PR weichgeklopft
Jahrelang zögerte der Westen, allen voran die Amerikaner, militärisch ins Geschehen auf dem Balkan einzugreifen. Bis dann die Öffentlichkeit durch die Arbeit der PR-Agenturen weichgeklopft und bereit war "ihre Jungs" ins Feld zu schicken.

Kroaten zahlten, Bosnier zahlten
Die Kroaten waren die ersten, die eine PR-Firma (Ruder-Finn) für ihren Fall bezahlten. Es folgten die Bosnier und dann auch bald die Kosovo-Albaner. Während Kroatien laut Dokumenten, die dem amerikanischen Justizministerium vorliegen, Ruder-Finn 10.000 Dollar pro Monat für ein "positives kroatisches Image" bezahlte, wurde die Firma von den Bosniern pro Stunde bezahlt.

"Propaganda im Namen von Menschlichkeit"
John MacArthur, Autor des weitgeachteten Buches "The Second Front" (Deutscher Titel: "Die Schlacht der Lügen"), in dem er über die Desinformationspolitik der US-Regierung während des Golfkrieges schrieb: "Es ist einfach abstoßend, was diese PR-Firmen da für Geld tun. Sie kennen keine Skrupel. Propaganda war einmal wesentlich gröber. Was heute so beängstigend daran ist, ist die Tatsache, daß Propaganda nun im Namen von Menschenrechten und Menschlichkeit auftritt."

Nur "geholfen, die Message zu formulieren"
James Harff von Ruder-Finn: "Um die UN davon zu überzeugen, entsprechende Maßnahmen zu ergreifen ist das (die PR-Tätigkeit) genauso wichtig, wie das was auf dem Schlachtfeld passiert." Und, in Hinsicht auf seine Kosovo-Kunden: "Wir haben ihnen geholfen, ihre Message zu formulieren, so daß die amerikanische Öffentlichkeit sich damit identifizieren konnte."

"Über unausgewogene Berichterstattung besorgt"
Die Serben, die ebenfalls ihr schlechtes Image loswerden wollten, zogen 1993 durch Kanada, um eine PR-irma zu finden, die ihre Interessen vertreten sollte. Tatsächlich fanden sie eine Fima in London, Ian Greer Associates, die allerdings die Arbeit für die serbischen Pariahs einstellen musste, nachdem die UN-Sanktionen gegen Jugoslawien wirksam wurden. Ann Pettifor, die bei Ian Greer Associates die Serben betreute: "Sie waren über die unausgewogene Berichterstattung besorgt."

CNN: Davon wissen wir nichts
TV-Journalisten immer unter Konkurrenzdruck und damit auf stark auf aktuelle Bilder angewiesen, tappen immer öfter in die Fallen der PR-Agenturen. Von im Balkankrieg mitmischenden PR-Agenturen allerdings will der CNN-Europe-Mann Chris Cramer nichts wissen. "Das ist mir neu. Davon habe ich noch nie gehört. Aber lassen Sie uns doch nicht naiv sein. Wir wissen, daß in einer solchen Situation immer beide Seiten versuchen, die Medien zu benutzen. Wir müssen da aufpassen. Wenn tatsächlich PR-Agenturen mitmischen, dann ist das höchst alarmierend."

Im Vergleich zu den offiziellen Medien nur Zwerge
Buchautor John MacArthur, inzwischen Herausgeber des amerikanischen Intellektuellen-Magazins "Harper's": "Man kann nicht nur den PR-Agenturen die Schuld geben. Ohne hilfsbereite Medien hätten die doch gar keinen Einfluss. Dabei sollte man allerdings nicht vergessen, daß die größte aller PR-Agenturen das Weiße Haus ist. Verglichen mit deren PR-Maschinerie stehen doch alle anderen Agenturen wie Zwerge da."

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