Beitrag der Friedensgruppe anlässlich der Kundgebung zum Kriegsbeginn am 20.03.2003 auf dem Marktplatz in Reutlingen

 

Liebe FriedensfreundInnen

 

Heute ist ein trauriger Tag. Aber neben der Trauer ist Zorn.

Zorn, der sich nährt aus der Historie des Konflikts und seine Eskalation, die sich jetzt gegen die richtet, die bereits unter der Historie gelitten haben.

Es waren Angehörige der westlichen christlich zivilisierten Welt, Rüstungsmanager mit ihren jeweiligen Staatsmännern, die einem ehrgeizigen Kriminellen aus Bagdad zutrauten, für sie die Interessen im arabischen Raum gegen die widerspenstigen Bevölkerungen dieses Teils der Welt durchzusetzen. Mit Hilfe der westlichen Geheimdienste wurde er an die Macht katapultiert und gegen herrliche Petro­dollars mit jeder Art von scheußlichen Waffen beliefert, die heute abwechselnd mit anderen Begrün­dungen als Kriegsgrund taugen sollen. Damit sollte er die Mullahs im Iran und seine Gegner im eige­nen Land vernichten und einer prowestliche Öffnung der Region Durchbruch verschaffen.

 

Das Resultat waren über eine Million Tote Iraner, Iraker, Kurden und andere Menschen unterschied­lichster ethnischer oder religiöser Zugehörigkeit. Aber die allermeisten waren Menschen aus einfachen sozialen Verhältnissen. Einfache Soldaten auf beiden Seiten, zum Kriegsdienst durch ihre jeweiligen Regierungen verurteilt und natürlich die Bevölkerungen.

Während die Rüstungsindustrie der westlichen Wertegemeinschaft boomte, wurde die Bevölkerung der kurdischen Stadt Halabscha mit Giftgas niedergemäht, welches eigens zum Zwecke des Mordens aus den Giftküchen der westlichen Industrienationen stammte. Aus dieser Zeit stammen auch die vor Kurzem im Internet veröffentlichten Fotos von einem gewissen Donald Rumsfield, seinerzeit als Waffenlobbyist unterwegs, auf dem er anlässlich eines lukrativen Geschäfts mit Biowaffen einem Saddam Hussein glücklich die Hand schüttelt.

Erst nachdem der Massenmörder aus Bagdad sich das heilige Öl Kuwaits unter den Nagel reißen wollte, ging das nun wohl doch zu weit. Man hatte plötzlich seitens der westlichen Industrienationen das Gespenst von verstaatlichten Kuwaitische Ölfeldern, sinkenden Gewinnen an den Finanzmärkten und eine schwindende Einflussnahme in der Region vor Augen und machte, na was sonst, einen Krieg natürlich, in dem wiederum 600.000 Menschen aus einfachen sozialen Verhältnissen umkamen, einschließlich Kurden und Schiiten.

In der Folge dieses Krieges einigte sich die westliche Wertegemeinschaft darauf, die geschundene irakische Bevölkerung mit Wirtschaftsanktionen und einem Inspektionsregime unter der Aufsicht der UNO zu belegen, damit man nicht mit den eigenen Waffen geschlagen würde, geführt jetzt möglicher­weise von “rachsüchtigen arabischen Terroristen“. Dem ehemaligen Freund und Massenmörder aus Bagdad überließ man dabei die Aufgabe, mit Gewalt und Willkür das Land zu stabilisieren, was Tausenden von Gegnern Saddam Husseins den sicheren Tod brachte.

 

Während sich der Ölpreis zugunsten der Finanzmärkte und der Konsumenten im christlichen Abend­land stabilisierte, die Rüstungsindustrie weiterhin im Angesicht von zukünftigen,  von ihren Politikern  inszenierten Konflikten boomte, und Saddam Hussein sein Land versuchte, im Griff zu behalten, star­ben weitere Hunderttausende Iraker, jung und alt, aber hauptsächlich Kinder             an den Folgen des Krieges, der UNO-Sanktionen und des staatlichen Terrors. Trotz der UNO Inspektionsberichte, die eine weitgehende Entwaffnung des Iraks bereits nach den ersten Jahren der Inspektionen festgestellt hatten, scheiterte eine Aufhebung oder eine Linderung der Wirtschaftssanktionen immer wieder an der Ablehnung der amerikanischen Administration, auch schon vor Bush junior.

 

Sie kümmerten sich einen Dreck um die Menschen im Irak und von Beginn dieses Konflikts an einen Dreck um die Demokratie.

 

Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, in Anbetracht der Tatsache, dass man nun angeblich bereit ist, mehrere hundert Milliarden Dollar für die Befreiung dieser Menschen auszugeben.

An der Spitze dieses Krieges, dieses neuen ungeheuerlichen Verbrechens gegen die Menschlichkeit, stehen die Staaten, die bisher maßgeblich eine Entwicklung zu mehr Menschlichkeit und Demokratie im Irak unterminiert und sabotiert haben.

Eine kleine gefährliche Gruppe von Leuten, die mit erschreckender Rhetorik der Macht und der Religion gegen alle demokratischen Spielregeln nicht nur den mehrheitlichen Willen der Völker­gemeinschaft, sondern auch meist den ihrer eigenen Bevölkerung missachten, jede Kritik an ihrer Haltung arrogant beiseite schieben, und sich selbstherrlich zu “Führern“ (Historische Assoziationen ungewollt) des Guten gegen das Böse ernennen, wollen Demokratie exportieren.

 

Nach sämtlichen militärischen Interventionen der USA nach dem 2. Weltkrieg, und es waren viele, ist immer eine Clique an die Macht gekommen oder konnte sich an der Macht halten, die ihre Bevölke­rung geknechtet, drangsaliert und gemordet hat. Angefangen mit dem Koreakrieg, über die Kriege in den 50ger Jahren, die Machtübernahme des Schahs von Persien gegen den Willen der Iraner, Indone­sien durch die Einsetzung von Suharto, Kongo durch die Ermordung des Präsidenten Lumumba, Chile durch die Ermordung des demokratisch gewählten Präsidenten Allende und die Einsetzung von Pinochet, die Eroberung Osttimors durch die indonesische Militärdiktatur, Guatemala, Nicaragua, Afghanistan, Grenada, Puerto Rico, Haiti, Panama, überall hatte der CIA seine dreckigen Hände im Spiel. In mehreren Ländern gleich mehrmals. Verurteilungen durch den UNO Sicherheitsrat wurden ignoriert, Beschlüsse des Sicherheitsrats blockiert oder mit VETO belegt, Millionen Menschen auf der ganzen Welt wurden im Rahmen dieser Politik ermordet, verstümmel, verschleppt oder sie verhunger­ten einfach.

 

Nun ist das vorbei, angeblich die Fehler erkannt, jetzt soll das Gute siegen. Die USA wollen das Volk befreien, was sie über 20 Jahre auf Gedeih und Verderb an ihre Interessen im Nahen und Mittleren Osten gefesselt haben. Warum fängt man nicht bei den Staaten an, mit deren Regierungen man ver­bündet ist. Zum Beispiel in Kuwait, Saudi Arabien, etc. Diese widerlichen Diktaturen gäbe es gar nicht mehr, wenn sie nicht gegen den Zorn ihrer Bevölkerung durch die USA mit Militär- und Finanzhilfe unterstützt würden. Das dem US-amerikanischen Finanzkapital demnächst diese Regierungen um die Ohren fliegen werden, ist einer der wahren Gründe für das jetzige Massaker am irakischen Volk.

 

Deshalb hat man sich einen Präsidenten angefüttert. Zwar konnte sich George W. Bush bei knapp über 50% Wahlbeteiligung nur mit knapp 50% der Stimmen und mittels Gerichtsbeschluß durchsetzen, aber es ermächtigt ihn trotzdem, als mächtigster Mann der einzigen Supermacht, die Welt den Interessen der USA mit GEWALT unterzuordnen.

 

Zum Abschluß noch eine Antwort auf die Leute, die den Gedanken „ein Ende mit Schrecken ist besser  als............ aus sicherer Entfernung vor Bombenexplosionen und dem Gestank verbrannter Leichen zum Wohle für die irakische Bevölkerung äußern.

 

Liebe Angela Merkel und all ihr anderen, Gott sei Dank ihr von der Minderheit,

wenn wir uns nicht schnellstens wieder darauf besinnen, im internationalen Bündnis die Gewalt einer Nation gegen eine andere, egal welcher Völker- Kultur- Religions- oder fragwürdiger Wertegemein­schaft diese Nation angehört, zu verurteilen und das Gewaltmonopol der UNO- so unzureichend wie diese Aussicht ist, anerkennen und reformieren, werden die, die dieses Dilemma zu verantworten haben, das 21. Jahrhundert aus reiner Geldgier zu einem Jahrhundert der Massenvernichtung machen, und davor bleibt dann auch der Marktplatz in Reutlingen nicht mehr verschont.

 

Wehren wir uns. Stoppen wir jegliche Unterstützung dieses Krieges. Keine deutsche Infrastruktur und keine Überflugsrechte für Kriegsparteien, keine finanzielle oder logistische Unterstützung, keine Versuche der politischen Rechtfertigung der Kriegspolitik und keine Unterstützung für den Aufbau eines irakischen Militärregimes nach dem Krieg. Unsere humanitäre Hilfe darf nur an internationale Nichtregierungsorganisationen gehen, die ausschließlich und vor allen Dingen direkt den Überleben­den dieses Massakers zu Hilfe kommen.

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