Aufruhr über Nachkriegsordnung (t-news 15.4.03)

Schon jetzt zeichnet sich ab, dass der demokratische Frieden im Irak nicht so leicht zu erringen sein wird wie der militärische Sieg. Denn wichtige irakische Oppositionsgruppen gehen bereits auf Distanz zu den USA. So löste eine pro-amerikanische Rede des neuen Gouverneurs der nordirakischen Stadt Mossul eine Schießerei aus, bei der mindestens zehn Menschen getötet und Dutzende weitere verletzt worden sind.

US-Soldaten sollen auf Menschenmenge geschossen haben
"Es gibt vielleicht hundert Verletzte und zehn bis zwölf Tote", sagte der Notarzt des städtischen Krankenhauses. Augenzeugen berichteten, US-Soldaten hätten auf eine Menschenmenge geschossen, die sich dem neuen Gouverneur der Stadt gegenüber feindselig zeigte. Dagegen erklärte ein US-Militärsprecher, die Soldaten seien von mindestens zwei Schützen von einem nahegelegenen Dach aus beschossen worden und hätten das Feuer gezielt erwidert. "Wir haben nicht auf die Menge geschossen, sondern oben auf das Gebäude." Der Schusswechsel habe etwa zwei Minuten gedauert.

Aufruhr nach pro-amerikanischer Rede
Der neue Gouverneur Maschan el Guburi soll auf dem Marktplatz der Stadt eine pro-amerikanische Rede gehalten haben. Daraufhin habe sich die aufgebrachte Menge auf den Weg zum Sitz der Provinzregierung begeben. Kinder hätten Steine geworfen. Andere Zeugen sagten, die Demonstranten hätten Gegenstände auf Guburi geworfen und sein Auto umgestürzt. Daraufhin habe der Gouverneur die US-Soldaten aufgefordert, zu schießen.

Gefechte zwischen Kurden und Arabern
In den vergangenen Tagen hatte es in Mossul Gefechte zwischen Kurden und Arabern gegeben, bei denen nach Angaben des städtischen Krankenhauses bis zu 20 Menschen getötet und mehr als 200 weitere verletzt wurden. Die US-geführten Streitkräfte hatten die strategisch wichtige Ölstadt am Freitag unter ihre Kontrolle gebracht.

Irakische Oppositionelle gehen auf Distanz zu den USA
Auch aus dem Süden des Landes gibt es wenig Erfreuliches zu berichten: Die Konferenz über eine Nachkriegsordnung in Nasirija ist von wichtigen irakischen Oppositionsgruppen boykottiert worden. Selbst der von der US-Regierung finanzierte Vorsitzende des Irakischen Nationalkongresses, Ahmed Chalabi, wollte sich nicht auf der Konferenz blicken lassen. Er schickte, wie die meisten anderen Exil-Oppositionsgruppen nur einen Vertreter zu dem vom ehemaligen US-General Jay Garner geleiteten Treffen. Und das obwohl er vom Pentagon für eine Führungsrolle im "neuen Irak" vorgesehen ist.

Boykott der wichtigsten schiitischen Oppositionsgruppe
Der Boykott der Nasirija-Konferenz durch die wichtigste schiitische Oppositionsgruppe, Hoher Rat für die Islamische Revolution im Irak (SCIRI), schadet der Akzeptanz der neuen US-geleiteten irakischen Übergangsbehörde noch mehr als das Fernbleiben Chalabis, meinen Beobachter. Für den Rat gäbe es keinen Grund, an dem Treffen teilzunehmen, da sich die wichtigsten Oppositionsgruppen bereits bei ihren Treffen im vergangenen Dezember in London und Ende Februar im nordirakischen Salaheddin "auf Vieles geeinigt haben, was in der Zeit nach der Veränderung wichtig sein wird", sagte ein Sprecher der Organisation, im arabischen Fernsehsender El Arabija. Seine Organisation sei nicht bereit, sich Entscheidungen von "irgendeiner fremden Macht aufzwingen zu lassen".

Schiiten-Organisation "El Dawa" blieb der Konferenz fern
Auch die Schiiten-Organisation "El Dawa", die für mehrere, meist erfolglose Attentate auf Angehörige des Regimes von Saddam Hussein verantwortlich ist, entschied sich gegen eine Teilnahme an der Konferenz. Schon die Tatsache, dass dieses Treffen auf einem Luftwaffenstützpunkt stattfinde und von US-Militärs organisiert werde, sei negativ, sagte ein Organisationssprecher.

Kurden unterstützen die USA uneingeschränkt
Die Einzigen, die den USA immer noch ohne Einschränkung die Treue halten, sind die beiden großen Kurdenparteien von Massud Barsani und Dschalal Talabani. Beide Parteien hatten die US-Soldaten mit ihren Kämpfern bei der Einnahme von Kirkuk und Mossul unterstützt. Barsani und Talabani hoffen, dass sie ihren halbautonomen Status im Nordirak mit Hilfe der USA in einem föderalen irakischen Staat bewahren können.

Massendemonstration in Nasirija
Schon im Vorfeld der Konferenz demonstrierten rund 20.000 Schiiten in Nasirija gegen das Treffen irakischer Oppositioneller. Über die künftige Regierung müssten die schiitischen Gelehrten bestimmen, forderte die Menge. Nach Jahren der Unterdrückung müssten die Schiiten eine zentrale Rolle im Nachkriegs-Irak übernehmen. "Ja zur Freiheit, Ja zum Islam, Nein zu Amerika, Nein zu Saddam", skandieren die Demonstranten.

AFP/AP/dpa/sh 
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