Der Atompilz von «Divine Strake»

von Florian Rötzer

Das Pentagon plant einen Test mit 700 Tonnen Sprengstoff, um die Wirkung bunkerbrechender Waffen zu untersuchen – manche gehen davon aus, dass damit die Wirkung von taktischen Nuklearwaffen getestet werden soll.

Am 2. Juni wird die Defense Threat Reduction Agency (DTRA) einen Test in der Wüste von Nevada durchführen. Dabei sollen 700 Tonnen Sprengstoff eingesetzt werden, um zu analysieren, wie Bomben unterirdische Anlagen zerstören können. Auf dem Hintergrund der Überlegungen im Pentagon, taktische Atombomben herstellen zu wollen, mit denen sich Bunker tief unter der Erde wirksam zerstören lassen, und der Pläne, möglicherweise bei einem Angriff auf die iranischen Nuklearanlagen auch Atomwaffen einzusetzen, löste dieser Versuch mit der grössten nichtnuklearen Sprengkraft aus einem Gemisch von Ammoniumnitrat und Öl (ANFO) einige Bedenken aus.
Der Test in Area 16 der Nevada Test Site mit dem seltsamen Namen «Divine Strake» ist nach der DTRA die zweitgrösste Detonation mit einem chemischen Sprengstoff und wird eine Wolke in Höhe von 3000 Metern verursachen. Es handele sich aber nicht um einen Test für eine neue Bombe und auch nicht um einen Atomwaffentest. Für die Umwelt und für Menschen drohe keinerlei Gefahr, versichert die DTRA.
Die Explosion wird oberhalb eines Tunnels stattfinden, der typischen «Hard and Deeply Buried Targets» gleicht, und soll Daten für künftige Simulationen von der Wirkung von Bomben auf den Boden und im Boden befindliche Tunnels liefern. Der Test findet im Rahmen der Tunnel Target Defeat Advanced Concept Technology Demonstration (TTD ACTD) statt. Mit diesem Programm soll «das Vertrauen der Militärs in ihre Planungsmöglichkeiten verbessert werden, verstärkte und tief unter der Erde befindliche Ziele zu zerstören».

Allerdings ist die Detonation, die einer Sprengkraft von 593 Tonnen oder 0,5 kt TNT entspricht, viel stärker als die von jeder konventionellen Bombe. Die grösste, die MOAB (Massive Ordnance Air Blast), hat 0,01 kt TNT. Die Explosion würde, wie Hans Kristensen von der FAS (Federation of American Scientists) schreibt, etwa der Sprengkraft einer möglichen taktischen Atombombe entsprechen, einer Mini-Nuke also, wie sie das Pentagon gerne zu Verfügung hätte. Die B61-11, die Atomwaffe des Pentagons mit der kleinsten Sprengkraft, soll eine Stärke von wenigstens 0,3 kt TNT haben. Tatsächlich ist der Test als Simulation der Wirkung einer leichten Atomwaffe gedacht, wie die DTRA in einem Kostenbericht für das Haushaltsjahr 2006 schrieb.

In einem Bericht der DTRA vom November 2005 heisst es, «Divine Strake» sei ein Test, um im Rahmen der «Global Strike»-Strategie des Pentagon, die mit dem «Nuclear Posture Review» (NPR) von 2001 entwickelt wurde, die Mittel zur Verfügung zu haben, bei Bedarf die zunehmend tief unter der Erde verlagerten Tunnels, Bunker und Anlagen (HDBTs) von Gegnern erkennen und zerstören zu können. Es handelt sich um eine präventive Strategie, die gegen eine Bedrohung durch Massenvernichtungsmittel weltweit konventionelle und nukleare Waffen einsetzen will, um HDBTs zu zerstören.

In einem Artikel der «Washington Post» gibt man sich überzeugt, dass das Pentagon nach «einer konventionellen Alternative zu einer von der Bush-Regierung vorgeschlagenen Atombombe» sucht, nachdem der Kongress die Gelder für die Forschung und Entwicklung eines nuklearen Robust Nuclear Earth Penetrator (RNEP) gesperrt habe, mit der man glaubte, tieferliegende Ziele als mit den vorhandenen bunkerbrechenden Bomben erreichen zu können. 2003 hatte der Kongress jedoch Gelder für die Forschung von Mini-Nukes bewilligt. Allerdings hat der Kongress nicht die Untersuchung der Auswirkung von Atombomben verboten. Allerdings hatte das National Research Council in seinem Bericht «Effects of Nuclear Earth Penetrator and Other Weapons» (2005) geschrieben, dass der letzte der von der DTRA geplanten Tests, der «Divine Strake» sein könnte (andere Tests mit weniger starken Detonationen wurden bereits durchgeführt), doch die Folgen einer leichten EPW-Atombombe (Earth-Penetrating Weapon) untersuchen sollte.

Quelle: www.telepolis.de/r4/artikel/22/22424/1.html