06. April 2010, 14:25 Uhr

Geheimes Bordkamera-Video

US-Helikopter feuerten auf Zivilisten in Bagdad

Von Ulrike Putz, Beirut

"Hübsch, gut geschossen": Ein neu aufgetauchtes Video stürzt die US-Armee in Erklärungsnöte. Es zeigt, wie zwei Kampfhubschrauber 2007 im Irak eine Gruppe von Zivilisten angreifen und töten - ohne sichtbare Provokation. Während der Attacke machten die Piloten zynische Witze über ihre Opfer.

Schlimm genug, dass im Krieg immer wieder unbeteiligte Zivilisten angegriffen und getötet werden. Schlimmer noch, wenn die Militärs nachher versuchen zu vertuschen, dass es zu einer solchen tragischen Verwechslung gekommen ist. Am 12. Juli 2007 hat sich im Irak ein solcher Fall ereignet: Ein Dutzend Zivilisten starb im Feuer zweier Apache-Helikopter der Amerikaner, unter den Opfern waren zwei Reporter von Reuters.

Auf Nachfrage der Nachrichtenagentur und anderer Medien antwortete das Militär damals: Die Helikopter-Crews seien angegriffen worden, sie hätten sich verteidigen müssen. Sie seien mit Kalaschnikows und einem Raketenwerfer beschossen worden.

Es gab allerdings eine Zeugin, die den Militärs normalerweise nie Ärger macht: die Bordkamera der Helikopter.

Nur wurden die Aufnahmen in diesem Fall auf der Internetseite Wikileaks veröffentlicht. Jetzt kann die Welt sehen, dass die Amerikaner gelogen haben.

In dem knapp 18 Minuten langen Film ist aus der Vogelperspektive zu sehen, wie acht Männer zu Fuß auf einer unbefestigten Straße eines Bagdader Vororts unterwegs sind - unter ihnen laut Kennzeichnung von Wikileaks auch der Reuters-Fotograf Namir Nur-Eldin, 22, und sein Assistent und Fahrer Said Chmar, 40. Sie scheinen Kameras bei sich zu tragen.

Was die Männer vorhaben, ist nicht ersichtlich, zu erkennen ist allerdings, dass mindestens zwei von ihnen ein Sturmgewehr in der Hand halten - was im Irak zunächst nicht ungewöhnlich ist. Während der Hubschrauber über der Szene kreist, hört man die ebenfalls aufgezeichneten Stimmen der Besatzung. Die Soldaten beratschlagen, was zu tun ist. Ein Crew-Mitglied meldet, er habe einen Mann mit Raketenwerfer gesichtet, ein zweiter gibt an, jemand habe das Feuer auf den Helikopter eröffnet.

Davon ist auf dem Video nichts zu sehen: Weder sieht man am Boden jemanden schießen, noch ist das Objekt, das ein anderer hält, als Raketenwerfer auszumachen - es könnte auch eine Kamera mit Teleobjektiv sein.

"Schau diese toten Bastarde"

Der Helikopter zieht einen weiteren Kreis, dann eröffnet der Schütze das Feuer aus der Bordkanone: Die meisten der Männer fallen sofort zu Boden, nur der Fotograf Nur-Eldin rennt um sein Leben und wirft sich hinter einem Müllberg in Deckung. Doch auch so entkommt er den Kugeln nicht. Die Kamera, die alle Bewegungen der Bordkanone nachvollzieht, zoomt auf ihn ein, das Bild wackelt kurz, als der Schütze erneut abdrückt, dann liegt auch Nur-Eldin bewegungslos.

"Schau diese toten Bastarde", ist einer der US-Soldaten zu hören. "Hübsch", antwortet ein anderer. "Gut geschossen."

Der einzige, der den ersten Angriff überlebt hat, ist der Reuters-Fahrer Chmar. Er ist offensichtlich verletzt und versucht, sich kriechend in Sicherheit zu bringen. Und tatsächlich naht Hilfe: Ein Kleinbus fährt vor, Männer springen heraus, eilen zu dem Verletzten. Obwohl die Helfer augenscheinlich nicht bewaffnet sind, drängt die Hubschrauber-Crew ihre Vorgesetzten, sie unter Beschuss nehmen zu dürfen. "Kommt schon, lasst uns schießen!" Schließlich erhalten die Schützen die Erlaubnis: Drei oder vier Männer, die den Verletzten bergen wollten, werden getroffen, der Minibus zersiebt. Wenige Minuten später treffen US-Bodentruppen ein, sie finden zwei schwerverletzte Kinder.

Kommentar der Helikopter-Crew, die beobachtet, wie die Soldaten am Boden die Kinder evakuieren: "Ist ja ihre eigene Schuld, wenn sie ihre Kinder mit in die Schlacht nehmen."

Dank Wikileaks gelingt es, die Nachrichtensperre zu umgehen

Was das Video brisant macht, sind nicht allein die zynischen Kommentare der US-Soldaten. Die Bilder, deren Authentizität inzwischen von offizieller Stelle in Washington bestätigt wurden, scheinen hochrangige US-Militärs der Lüge überführt zu haben. Anträge seitens Reuters, das Bildmaterial vom Tod seiner Mitarbeiter sichten zu dürfen, wurden in den vergangenen Jahren wiederholt abgelehnt. Ende 2009 veröffentlichte David Finkel, Reporter der "Washington Post", ein Buch, in dem er versuchte, die tragischen Ereignisse des 12. Juli nachzuempfinden. Angesichts der mangelnden Kooperationsbereitschaft des Militärs stieß er schnell an seine Grenzen.

Erst Wikileaks ist es nun dank "einer couragierten Quelle" gelungen, die vom Militär verhängte Nachrichtensperre in diesem Fall zu umgehen. Die US-Streitkräfte müssen fürchten, dass das Beispiel Schule macht: Bordkameras und Überwachungszeppeline filmen einen Großteil der Einsätze von US-Soldaten im Irak oder Afghanistan, bei umstrittenen Einsätzen sollen sie im Nachhinein als Beweis dafür dienen, was tatsächlich vorgefallen ist. Die Aufzeichnungen sind als geheim klassifiziert.

Doch anscheinend haben auch Kritiker einzelner Operationen innerhalb der Armee Zugriff auf das Material - und mit Wikileaks eine Plattform, auf der sie es anonym veröffentlichen können.

Wikileaks ("leak" ist Englisch für "lecken, Leck schlagen") ging im Januar 2007 online. Die Seite gibt Insidern eine Plattform, die Geheimnisse ausplaudern wollen. Sie soll von chinesischen Dissidenten und Hackern aus aller Welt betrieben werden, alle sollen auf ehrenamtlicher Basis arbeiten. Die Dokumente, die Quellen auf der Seite der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen, behandeln ein weites Themenspektrum von Giftmüll-Verklappung in Afrika bis zu Enthüllungsberichten über Scientology. 2008 wurde die Seite vom britischen "Economist"-Magazine mit dessen Preis für Neue Medien ausgezeichnet. Ende vergangenen Jahres hatte Wikileaks erhebliche Geldprobleme und stellte zwischenzeitlich alle Aktivitäten ein. Nun meldete sich die Seite mit dem Video aus dem Irak mit einem Scoop zurück, der ihr große Aufmerksamkeit eingebracht hat.