SPIEGEL ONLINE - 25. Oktober 2006, 12:27
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TOTENSCHÄNDUNG

Entsetzen über Skandal-Fotos deutscher Soldaten

Mit Empörung und Abscheu reagieren Politiker und Bundeswehr-Führung auf die skandalösen Fotos, die deutsche Soldaten in Afghanistan bei der Schändung eines Toten zeigen. Die Bundeswehr hat bereits zwei Verdächtige ermittelt, sie werden momentan vernommen.

Berlin/Hamburg - Am Mittwochvormittag sollte es im Berliner Verteidigungsministerium eigentlich um das neue Weißbuch gehen, dass die neue Strategie für die Bundeswehr festschreibt. Staatdessen aber erschütterte eine neuer Skandal die Truppe. Wieder geht es um den Einsatz in Afghanistan. Nachdem deutsche Soldaten zuerst der Misshandlung des Deutsch-Türken Murat Kurnaz verdächtigt werden, zeigte die "Bild"-Zeitung heute morgen skandalöse Bilder deutscher Soldaten, die mit einem Totenschädel hantieren.

Die Bilder schockierten innerhalb von Stunden Politiker und auch die Bundeswehrführung. Eines der fünf Fotos zeigt einen deutschen Soldaten, der mit der rechten Hand stolz einen Totenschädel hochhält.

 

Auf einem weiteren Foto wird ein Totenschädel auf dem Tarnscheinwerfer eines Kleinpanzers vom Typ "Wiesel" präsentiert. Ein anderes Bild zeigt einen Mercedes-Jeep vom Typ "Wolf". Ein Bundeswehrsoldat spießt den Schädel an einer Spezialvorrichtung zur Durchtrennung von Stahlseilen ("cablecutter") auf. Drei Kameraden schauen dem makabren Treiben zu.

Auf einem vierten Foto posieren zwei Soldaten auf der Motorhaube des Jeeps - zwischen ihren Beinen den Kabeldurchtrenner mit dem aufgepflanzten Totenschädel. Das fünfte Foto zeigt einen Soldaten mit entblößtem Penis in der linken Hand, der gleichzeitig den Schädel mit der rechten Hand an sein Glied heranführt.

Die Aufnahmen entstanden nach Aussage eines Bundeswehr-Angehörigen bei einer morgendlichen Patrouillenfahrt unter dem Kommando eines Feldwebels. An dem Vorfall, der sich nach Aussage eines Bundeswehr-Angehörigen schon im Frühjahr 2003 abgespielt haben soll, waren außerdem zwei Stabsunteroffiziere und zwei weitere Soldaten beteiligt, berichtet die "Bild".

Um welche Soldaten es sich auf den Bildern handelt, war schnell klar. Nach Aussage von Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan wird mittlerweile gegen zwei Verdächtige ermittelt. Bei den beiden Soldaten handelt es sich um einen Stabsoberhauptgefreiten der Reserve und einen Stabsunteroffizier. Im Verteidigungsministerium liefen die Ermittlungen schon am Montagnachmittag auf Hochtouren. Zuerst bat man die "Bild"-Zeitung, dem Ministerium die Original-Bilder vorzulegen. Darauf sind die Soldaten vermutlich gut zu erkennen, zudem wären auch die Kennzeichen der Fahrzeuge der Bundeswehr zu erkennen.

Doch das Blatt will die Originalfotos nicht zur Verfügung stellen. Jörg Quoos, Mitglied der Chefredaktion, sagte der Nachrichtenagentur dpa, alleiniger Grund sei der Informantenschutz. Die Echtheit der Bilder sei von "Bild" mit allen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten geprüft worden.

Die beiden verdächtigten Soldaten wurden sofort zu einer Vernehmung einbestellt und würden momentan befragt, berichtete Schneiderhan über die Recherchen. Minister Jung machte deutlich, dass beiden disziplinarische und strafrechtliche Konsequenzen drohen.

Staatsanwaltschaft ermittelt

Die Staatsanwaltschaft Potsdam hatte nach dem Erscheinen der Bilder gleich am Dienstagmorgen ein Ermittlungsverfahren wegen Störung der Totenruhe eingeleitet. "Wir ermitteln im Moment gegen Unbekannt", sagte der Sprecher Wilfried Lehmann SPIEGEL ONLINE. Die Störung der Totenruhe gilt juristisch als Amtsdelikt, bei einem Verdacht muss die Justiz von sich aus und auch ohne eine vorliegende Anzeige ermitteln. Die Potsdamer Staatsanwaltschaft ist zuständig, da alle deutschen Soldaten in Afghanistan vom Einsatzführungskommando der Bundeswehr in Potsdam aus befehligt werden.

Unklar ist unter Juristen noch, wie die auf den Fotos zu sehenden Handlungen zu bewerten sind. Grundsätzlich scheint es möglich, dass die Leichenteile in Afghanistan gar nicht in einem herkömmlichen Grab lagen, sondern von den Soldaten gefunden wurden. Allerdings zeigen einige Fotos recht eindeutig, dass sich die Soldaten mit dem Schädel schmücken. Dies, so ein erfahrener Staatsanwalt, erfülle den im Paragraphen 168 erwähnten Straftatbestand der Beschimpfung von Toten. Grundsätzlich soll das Gesetz vor allem die Angehörigen der Toten und die Würde der Verstorbenen schützen.

"Solche Leute können wir in unserer Armee nicht brauchen"

Politiker und der Bundeswehrverband reagierten entsetzt und forderten eine schnelle Aufklärung. "Es ist klar und unmissverständlich, dass ein derartiges Verhalten von deutschen Soldaten keinesfalls geduldet werden kann", sagte Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU). Sollten sich die Vorwürfe bestätigen, würden die "erforderlichen dienstrechtlichen, disziplinarrechtlichen und gegebenenfalls auch strafrechtlichen Konsequenzen mit allem Nachdruck gezogen".

Der Vorsitzende des Bundeswehrverbandes, Bernhard Gertz, sagte im "ZDF"-Morgenmagazin, die Bilder seien "absolut abstoßend und Ekel erregend. Solche Leute können wir in unserer Armee nicht brauchen". Jetzt müsse konkret geprüft werden, wie es passieren könne, dass trotz guter Ausbildung und Dienstaufsicht solche "Entartungen und Entgleisungen" vorkämen.

Außenminister Frank-Walter Steinmeier sagte, die Leichenschändung schädige dem internationalen Ansehen der Bundesrepublik. "Ich bin bestürzt über die abscheulichen Fotos deutscher Soldaten in Afghanistan, die heute veröffentlicht wurden", sagte der SPD-Politiker. "Ihr unverantwortliches und unentschuldbare Verhalten schadet dem Ansehen der Bundeswehr und unserem Land."

Es sei zudem eine Beleidigung für die vielen tausend Bundeswehrsoldaten, die gerade im Ausland unter schwierigsten Bedingungen einen herausragenden Dienst für Deutschland leisteten.

Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, Ruprecht Polenz (CDU), forderte im RBB-Inforadio eine schnelle und gründliche Aufklärung. Dies sei auch im Interesse der Bundeswehr, die in Afghanistan einen guten Ruf habe.

Als "absolut unappetitlich und auch inakzeptabel" bezeichnete der SPD-Verteidigungsexperte Rainer Arnold die Vorgänge. Er gehe davon aus, dass es sich um Versäumnisse einzelner Soldaten handele und möglicherweise auch "die Führungsaufgaben nicht richtig wahrgenommen wurden bei den örtlichen Verantwortlichen. Solche Soldaten haben in der Truppe eigentlich nichts zu suchen", sagte er und forderte harte Konsequenzen. Die veröffentlichten Fotos fügten dem Ansehen der Bundeswehr "ganz erheblichen Schaden" zu.

Für den Wehrbeauftragten des Deutschen Bundestages, Reinhold Robbe (SPD), kann es "darauf nur eine Reaktion geben: Sofortige und schonungslose Aufklärung mit allen zu Gebote stehenden Mitteln!" SPD-Fraktionsvizechef Walter Kolbow forderte, die Anstrengungen zur Vor- und Nachbereitung schwieriger Einsätze müssten noch intensiviert werden.

Die Linkspartei-Abgeordnete Petra Pau zeigte sich ebenfalls "schockiert" und forderte eine öffentliche Aufklärung des Falles. Der Grünen-Obmann Winfried Nachtwei nannte die Bilder "eine Schande". Weil das Ministerium aber glaubwürdig eine Aufklärung zugesichert habe, sei der Vorfall noch kein Thema für einen Untersuchungsausschuss.

Fall Kurnaz im Verteidigungsausschuss

Der Verteidigungsausschuss des Bundestages ist unterdessen heute zusammengekommen, um sich auf die Untersuchung der vom ehemaligen Guantanamo-Häftling Murat Kurnaz erhobenen Vorwürfe gegen Bundeswehrsoldaten in Afghanistan vorzubereiten. Der Ausschuss will sich dazu in der kommenden Sitzungswoche als Untersuchungsausschuss konstituieren.

Danach hat er die Möglichkeit, mit den Mitteln der Strafprozessordnung den Vorwurf von Kurnaz zu überprüfen, er sei im Sommer 2002 von zwei Soldaten der KSK in einem US-Gefangenenlager in Afghanistan misshandelt worden.

als/mgb/ddp/AP/dpa