Darauf
hatten alle nur gewartet: Paul Wolfowitz, Vizeverteidigungsminister der USA,
Oberfalke des US-Präsidenten, mächtiger Wortführer und Wunderkind der
sogenannten "Neokonservativen" - einer Gruppe von Polit-Theoretikern,
denen man nicht vollständig zu Unrecht unterstellt, dass sie am liebsten einmal
pro Quartal einen Krieg vom Zaun brächen - ausgerechnet dieser Wolfowitz schien
offen zuzugeben, was sowieso jeder denkt.
Staatsgeheimnisse in "Vanity Fair"
ausgeplaudert?
Dass nämlich die Geschichte mit Saddams Massenvernichtungswaffen, wegen der,
man erinnert sich, der Irak-Krieg unter anderem unbedingt geführt werden
musste, nur ein Vorwand war. Erfunden, um Zweifler im In- und Ausland auf die
Seite der US-Falken zu ziehen. Dass es in Wirklichkeit um ganz andere Dinge
gegangen sei, soll Wolfowitz enthüllt haben. Und dies ausgerechnet gegenüber
dem Gesellschaftsmagazin "Vanity Fair", einer Art "Brigitte"
des angelsächsischen Sprachraums.
"Lügen, Lügen, Lügen"
Das Echo ließ nicht lange auf sich warten: "Lügen, Lügen, Lügen"
titelte der linksliberale britische "Daily Mirror". Ein Schlachtruf,
in den am Freitag zahlreiche Medien und Politiker rund um den Globus
einstimmten. Kriegsgegner sehen sich bestätigt. Oppositionsparteien in den Ländern,
deren Regierungen den Krieg befürworteten, haben plötzlich Oberwasser und
verlangen Erklärungen von denen, die schlechterdings keine abgeben können.
"Sie sind einfach nicht da"
Der amerikanische Marines-Kommandeur im Irak, Generalleutnant James Conway
schien Wolfowitz´ "Geständnis" am Freitag zu bestätigen, als er
gegenüber Reportern seine Überraschung darüber zum Ausdruck brachte, dass die
Unmengen an irakischen Massenvernichtungswaffen noch nicht gefunden seien:
"Glauben sie mir", so der General, "es liegt nicht daran, dass
wir es nicht versuchten." Die GIs hätten praktisch jedes Munitionslager
zwischen Bagdad und der kuwaitischen Grenze erfolglos gefilzt. "Sie (die
Waffen, Anm.) sind einfach nicht da", so der Offizier.
Original und Zitat
Was Wolfowitz tatsächlich gesagt und was er damit gemeint hat, steht möglicherweise
auf einem anderen Blatt. Die Wahrheit scheint dabei genauso wenig zu ihrem Recht
zu kommen wie eh und je. Zitiert wurde der Vizeverteidigungsminister, der
mittlerweile natürlich alle Unterstellungen dementiert, von "Vanity
Fair" folgendermaßen: "Aus bürokratischen Gründen haben wir uns
diesen Punkt - die Massenvernichtungswaffen - ausgesucht, weil das der eine
Grund war, dem jeder zustimmen konnte."
Was hat Wolfowitz gemeint?
Im Originalton, den das US-Verteidigungsministerium mitgeschnitten hat, lautete
das Zitat so: "Die Wahrheit ist, dass wir uns aus Gründen, die viel mit
der Bürokratie der US-Regierung zu tun haben, auf dieses Thema geeinigt haben,
dem jeder zustimmen konnte und in dessen Zentrum die Massenvernichtungswaffen
stehen." Was Wolfowitz damit gesagt haben will oder nicht, bleibt fraglich.
Vermutlich meinte der Politiker, man habe sich aus zahlreichen real
existierenden Gründen den zugkräftigsten ausgesucht.
Kriegsziel: Raus aus Saudi-Arabien
Dass Wolfowitz aber auch noch anführte, ein wichtiges Ergebnis des Krieges -
Wolfowitz-Gegner machten aus dem Ergebnis ein "Ziel" - sei es gewesen,
amerikanische Truppen aus dem "heiligen Land" Saudi-Arabien
herauszubekommen und sie im Irak zu stationieren und somit den Zorn der Muslime
zu besänftigen, machte die Sache nicht besser.
Neue Suchtruppe vor Ort
Nichtsdestotrotz: Die USA sind erneut im Zugzwang ihre Behauptungen aus der
Vorkriegszeit zu belegen. Nun soll Eine neue Spezialtruppe die bisher erfolglose
Suche nach biologischen und chemischen Waffen im Irak fortsetzen. Die so
genannte «Iraq Survey Group» (ISG) wird am 7. Juni die Aufgabe der Marines übernehmen.
Ob sie mehr Erfolg hat, als ihre Vorgänger, darf indes bezweifelt werden.