junge Welt vom 16.11.2005
 
Ausland

Iraker: Wir wurden im Löwenkäfig gefoltert

Neue Vorwürfe gegen US-Besatzungstruppen. Klage gegen Verteidigungsminister Rumsfeld. UN-Bericht: Besatzer verstoßen gegen Völkerrecht. 10 000 Familien vertrieben

Rüdiger Göbel
 
Die Schreckensnachrichten aus dem US-besetzten Irak nehmen kein Ende. Während am Montag abend Hunderte italienische Kriegsgegner vor der US-Botschaft in Rom gegen den Einsatz der Chemiewaffe »Weißer Phosphor« im Irak protestierten, beschuldigte die UNO die Irak-Besatzer, 10 000 Familien aus den Provinzen Anbar und Ninive vertrieben zu haben. Irakische Folteropfer erhoben darüber hinaus schwere Vorwürfe gegen die US-Truppen. Im Rahmen der anhaltenden US-Großoffensive im Westirak wurden unterdessen 50 Menschen getötet. Nach Armeeangaben vom Dienstag soll es sich bei den Toten ausnahmslos um »Aufständische« handeln.

 

Ein am Dienstag bekanntgewordener Bericht der UN-Mission für den Irak hält den amerikanischen Besatzern neben den Massenvertreibungen vor, bei ihren Militäroffensiven gegen das Völkerrecht verstoßen zu haben. So hätten die US-Truppen im Oktober in der Provinz Anbar Ärzte festgenommen und medizinische Einrichtungen besetzt.

 

Schier Unglaubliches berichteten derweil die Geschäftsleute Thahe Mohammed Sabbar und Schersad Kamal Chalid. Die beiden Iraker, in deren Namen die Amerikanische Bürgerrechtsunion (ACLU) und die Menschenrechtsorganisation Human Rights First Anzeige gegen US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld und hohe Offiziere erstattet haben, schilderten der Nachrichtenagentur AP, wie sie in Bagdad von den Besatzern in einen Löwenkäfig geworfen worden waren. »Sie führten mich hinter den Käfig, schrien mich an und schlugen mich«, erläuterte der 37jährige Sabbar die Schreckensszenen. Dann habe einer der Soldaten die Käfigtür geöffnet. Zwei Soldaten hätten ihn hineingestoßen. »Die Löwen liefen auf mich zu, und da haben sie mich wieder rausgezogen und die Tür geschlossen. Da bin ich ohnmächtig geworden.« Der 35jährige Chalid gab an, dreimal in den Löwenkäfig geworfen worden zu sein.

 

Die US-Armee wies die Anschuldigungen zurück – wie sie dies zunächst bei allen Foltervorwüfen getan hatte. Den Einsatz von »Weißem Phosphor« in Falludscha räumten die Besatzer inzwischen ein.

 

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Ausdruck erstellt am 17.11.2005 um 19:27:25 Uhr