junge Welt vom 05.01.2006
 
Titel

Kriegslüge präsentiert

Die britische Zeitung Guardian behauptet, Iran kaufe Material zum Bau einer Atombombe. Agenturen beten die Geheimdienstschmonzette nach

Knut Mellenthin
 
Was ist das: Es hat 55 Seiten, trägt das Datum 1. Juli 2005 und stinkt? Als hätte es die Enthüllungen über die Lügen nie gegeben, mit denen der Irak-Krieg vorbereitet wurde, berichtete die linksliberale britische Tageszeitung Guardian am gestrigen Mittwoch über ein »Geheimpapier« gegen Iran. Hauptinhalt: Teheran kaufe in Europa und anderswo Material zur Herstellung einer Atombombe.

 

Kein Wort über die Verfasser des Papiers, noch nicht einmal eine Andeutung. Erkenntnisse britischer, französischer, deutscher und belgischer Nachrichtendienste seien verarbeitet, versichert der Guardian. Das Memorandum sei benutzt worden, um europäische Minister zu informieren und um führende Industrielle zur »Wachsamkeit« und Zurückhaltung beim Technologie-Export in den Iran zu ermahnen. Letzteres mag sogar der tatsächliche Hauptzweck des Papiers gewesen sein.

 

Die Meldung muß erschrecken. Nicht wegen ihres Inhalts, den man getrost als kalten Kaffee vergessen kann, sondern wegen ihres Erscheinens. Die Zeitung hatte in den vergangenen Jahren eine sehr verdienstvolle Rolle gespielt, indem sie immer wieder den Finger auf die Lügen der britischen Regierung über angebliche Massenvernichtungswaffen des Irak legte. Jedoch, die Erkenntnis scheint nicht weit getragen zu haben. Der Artikel, den Ian Cobain und Ian Traynor jetzt im Guardian abgeliefert haben, ist sehr viel schwächer als die seinerzeitigen Lügengeschichten z.B. von Judith Miller zum Irak, die vor einigen Monaten zu ihrer Entlassung bei der New York Times führten.

 

Die Journalisten haben das Papier »gesehen«, schreiben sie in ihrem Artikel. Heißt offenbar, daß man es ihnen gezeigt hat und daß sie darin blättern durften. Mehr aber wohl nicht. Sie zitieren genau einen einzigen Satz daraus, der aber den Schönheitsfehler hat, daß er zur Sache absolut nichts aussagt: Iran versuche intensiv, Technologie und Know-how für militärische Zwecke jeder Art zu erwerben. Nicht gerade sensationell für ein Land, das akut bedroht und durch die Sanktionen der US-Regierung vom legalen Weltmarkt für Hochtechnologie weitgehend ausgeschlossen ist. Zu der Behauptung, Teheran versuche, sich Material zum Bau einer Atombombe zu verschaffen, steht im Artikel des Guardian kein einziges konkretes Wort. Und doch beteten sie der Internetdienst spiegel online und mehrere Nachrichtenagenturen gestern brav nach.

 

Der Generalsekretär der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), Mohammed ElBaradei hat in seinem jüngsten Bericht vor wenigen Wochen erneut bekräftigt, daß die Inspektoren der IAEA in Iran keine Hinweise auf die Existenz eines Atomwaffenprogramms gefunden haben. Wenn es bei irgendeinem Geheimdienst in Europa, den USA oder Israel gegenteilige Erkenntnisse gäbe, darf man völlig sicher sein, daß ElBaradeis Bericht ganz anders ausgesehen hätte. Die Vorstellung, Washington würde Fakten verschweigen, die Iran belasten könnten, ist absurd.

 

Zu welchen Ergebnissen die brisante Mischung aus journalistischer Inkompetenz und politischer Böswilligkeit führt, demonstrierte am Dienstag auch die Tageszeitung Hamburger Morgenpost, die traditionell als SPD-nah gilt. Das Blatt titelte reißerisch: »Iran droht jetzt mit einem vernichtenden Atomschlag«. Im Artikel hieß es dann: »Nach Experten-Einschätzung dürfte das Mullah-Regime über nukleare Waffen verfügen.«

 

Tatsächlich gibt es keinen einzigen Experten, der so etwas behauptet. Selbst israelische Hardliner erklären allenfalls, daß Iran vielleicht in zwei Jahren eine Atomwaffe besitzen könnte. Macht aber nichts. Wenn die Leute die Lüge glauben, hat sie ihren Zweck erfüllt.

 

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Ausdruck erstellt am 15.01.2006 um 21:16:11 Uhr