06.09.2008 / Schwerpunkt / Seite 3

Kriegsende als »Horrorvorstellung«

»Brandherd Pakistan« oder: Über das Desinteresse Washingtons, seine Truppen vom Hindukusch abzuziehen

Knut Mellenthin
Nach seinem Buch »Sprengsatz Afghanistan. Die Bundeswehr in tödlicher Mission« (Oktober 2007) hat Christoph R. Hörstel nun eine Anschlußarbeit vorgelegt: »Brandherd Pakistan. Wie der Terrorkrieg nach Deutschland kommt«. Der Autor – langjähriger Sonderkorrespondent und Nachrichtenmoderator bei der ARD – gilt aufgrund seiner in 23 Jahren in Afghanistan und Pakistan gesammelten Erfahrungen als Experte für die Probleme dieser Länder.

In seinem neuen Buch kommt er aufgrund der Geschichte der Beziehungen zwischen den USA und Pakistan und seiner Recherchen vor Ort zur Schlußfolgerung, daß die Vorstellung, der Krieg in Afghanistan (und zunehmend auch in Pakistan) könnte jemals zu Ende gehen, für die führenden Kreise der USA »eine Art Horrorvorstellung darstellt«. Denn in diesem Fall entfiele über kurz oder lang der Vorwand für ihre starke militärische Präsenz im Zentrum Asiens. Und damit auch die langfristige Funktion dieses Krieges in der US-amerikanischen Geostrategie: die Abrundung der Einkreisung Irans und der Aufbau einer starken Position in Zentralasien sowohl gegen Rußland als auch gegen China.

Da die US-Regierung kein Interesse an einem Abzug vom Hindukusch habe, tendiere ihr »Krieg gegen den Terror« zur automatischen Selbstverlängerung. Dieser von den Neokonservativen auch als dritter oder vierter Weltkrieg bezeichnete, permanent eskalierende Feldzug sei »als weltweites Machtergreifungs- und -erhaltungsinstrument geplant und durchgeführt«, sozusagen »für die Ewigkeit ausgelegt«.

Hörstel beschreibt in seinen Büchern detailliert, wie die USA »zur Legitimierung ihrer militärisch durchgesetzten strategischen Hegemonialinteressen in Asien« seit Ende der siebziger Jahre in Zusammenarbeit mit dem pakistanischen Geheimdienst ISI militant-islamistische Gruppen unterstützten, zum Teil überhaupt erst ihre Entstehung organisierten und finanzierten, und wie diese Kooperation auch heute noch andauert. Nicht nur die Taliban, sondern auch Al-Qaida würden auf diese Weise von der CIA im Zusammenwirken mit dem ISI direkt und indirekt gefördert. Das sei, behauptet der Autor, auch der Bundesregierung bekannt. »Nach Aussagen eines höheren Polizeioffiziers im Gespräch mit mir sind deutsche Sicherheitsorgane selbst in die Organisation von Terror in Deutschland verwickelt«, schreibt er.

Im siebten Kapitel seines neuen Buches entwickelt Hörstel Vorstellungen über »Wege in eine neue Pakistan-Politik«. »Dazu müßten unsere amerikanischen Freunde und Verbündeten ihre Rolle als Weltpolizisten und manche andere Aktivitäten ihrer ›Politik der Unangemessenheit‹ zugunsten nachhaltiger und fairer, kooperativer statt imperativer Strategien aufgeben...«.

Dieser Satz enthält bereits den Kern des Problems: Warum sollten die führenden Kreise der USA etwas aufgeben, was – wie der Autor selbst überzeugend darlegt – im Rahmen ihres übergeordneten strategischen Ziels, ihr Land für alle Zukunft als absolut konkurrenzlose, einzige Weltmacht zu konstituieren und zu sichern, nicht nur unverzichtbar, sondern sogar von zentraler Bedeutung ist? Freiwillig, ohne durch den Zusammenbruch ihres Systems dazu gezwungen zu sein?

 
Christoph R. Hörstel: Brandherd Pakistan - Wie der Terrorkrieg nach Deutschland kommt. Kai-Homilius-Verlag, Berlin 2008, 400 Seiten, 24,80 Euro