04.09.2010 / Titel / Seite 1

Krieg ohne Gnade

 

Arnold Schölzel
Im Musterland für westliche Werte, der Bundesrepublik, zählen Menschenleben nicht viel – jedenfalls nicht die von Afghanen. Ein Jahr nach dem Luftangriff nahe Kundus hat die Bundesregierung die Vorgänge jenes Tages nicht – wie von der Bundeskanzlerin angekündigt – »lückenlos aufgeklärt«, sondern vertuscht, verschleiert und den Untersuchungsausschuß des Bundestages massiv behindert. Das tatsächliche Resultat des Angriffs ist eine Veränderung der Besatzertaktik in Afghanistan. Als »Spezialkommandos« bezeichnete geheim agierende Mordschwadronen der NATO sollen mit »gezielten Tötungen« erreichen, was Bombardements nicht erbringen. Die Ruhe an der Heimatfront ist oberstes Gebot. Angemessene Entschädigungen für die Verletzten und Hinterbliebenen wurden – selbstverständlich– nicht geleistet. Am Freitag forderte daher die Afghanische Unabhängige Menschenrechtskommission (AIHRC) Deutschland auf, den Betroffenen über die Zahlungen hinaus mit Wohltätigkeitsprojekten zu helfen. »Die deutschen Kräfte in Kundus und andere Hilfsorganisationen sollten sie weiter unterstützen«, erklärte der AIHRC-Leiter in Kundus, Hajatullah Amiri, gegenüber der Nachrichtenagentur AFP. Die Menschenrechtskommission habe dies bei zahlreichen Besuchen in Deutschland und in den Gesprächen mit dem Bundesverteidigungsministerium in Berlin deutlich gemacht.

Bei dem von Bundeswehr-Oberst Georg Klein veranlaßten Luftangriff von US-Bombern gegen zwei von den Taliban entführte Tanklaster waren in der Nacht zum 4. September 2009 in der Nähe des nordafghanischen Kundus nach NATO-Angaben bis zu 142 Menschen ums Leben gekommen. Die AIHRC listete 102 Opfer auf, darunter 91 Tote und elf Verletzte. Deutschland zahlte an jede der 86 betroffenen Familien 5000 Dollar (rund 3900 Euro)– unabhängig davon, wie viele Opfer sie jeweils zu beklagen hatte.

Rückhalt haben die deutschen Besatzer aber nach wie vor bei den Vertretern der Marionettenregierung von Kabul. So erklärte der Gouverneur von Kundus, Mohmmed Omar, AFP, das Verhältnis der afghanischen Behörden zur Bundeswehr sei durch die zivilen Opfer rückblickend nicht beschädigt worden. Eine offizielle Gedenkfeier für die Opfer am Jahrestag am Samstag war nach seinen Angaben nicht geplant. Der Angriff habe trotz der getöteten Zivilisten einen Fortschritt im Kampf gegen die Aufständischen gebracht, behauptete Omar und teilte mit: »Nach unseren Geheimdienstinformationen waren 60 der Opfer Taliban.«

Selbst die Nachrichtenagentur räumte am Freitag aber ein, daß die Bundeswehr und verbündete Einheiten im Raum Kundus gegen einen besonders starken Widerstand kämpfen. Fast täglich komme es zu Gefechten. »Wir wollen den ausländischen Soldaten klar machen, daß solche Aktionen gerächt werden«, zitierte AFP Taliban-Sprecher Sabiullah Mudschahid mit Bezug auf den Luftangriff vor einem Jahr. Die Besatzungstruppen reagieren darauf mit Mord, im Jargon »gezielte Tötung« genannt.

Unterdessen wird die von US-Präsident Barack Obama angeordnete Intensivierung des Krieges vorangetrieben. US-Verteidigungsminister Robert Gates traf am Freitag zu einem Truppenbesuch in Südafghanistan ein. Der Einsatz in der Stadt Kandahar sei von zentraler Bedeutung für den Erfolg der gesamten Afghanistan-Operation, erklärte Gates vor Soldaten im Hauptquartier Camp Nathan Smith. Siegesmeldungen bleiben aber aus, bislang steigen die Verluste der Truppe: Bis Ende August wurden in Afghanistan 316 US-Soldaten getötet, im gesamten Jahr 2009 waren es 304.