junge Welt vom 13.12.2003
 
Ausland

Kern der Armee schmilzt

Irak: 250 frisch ausgebildete Soldaten quittierten Dienst. Schwierigkeiten für US-Besatzer wachsen

Rainer Rupp
 
Da der irakische Widerstand für die selbsterklärten amerikanischen »Befreier« immer verlustreicher wird, wollte Washington so schnell wie möglich die eigenen Soldaten aus der vordersten Schußlinie nehmen und durch Einheimische ersetzen. Die »militärischen und polizeilichen Sicherheitsaufgaben« sollten »irakisiert« werden, so der Plan.

 

Doch geriet dieses Vorhaben nun schon in den ersten Zügen seiner Umsetzung ins Wanken. Wie am Donnerstag aus dem Pentagon zu hören war, quittierte in den vergangenen Wochen mehr als ein Drittel der bisher ausgebildeten irakischen Soldaten einer »neuen Armee« den Dienst.

 

Die rund 250 von insgesamt 700 Rekruten seien unzufrieden mit dem Sold und »anderen Bedingungen« gewesen, hieß es aus Washington. Dabei hatte der Statthalter des US-Imperiums in Bagdad, Zivilverwalter Paul Bremer, erst im Oktober mit großem propagandistischem Pomp das erste Bataillon irakischer Hilfstruppen nach dessen Grundausbildung öffentlich präsentiert. Es sollte den Kern der neuen Armee bilden, die den Widerstand niederhalten soll. Ein zweites Bataillon befindet sich noch in der Grundausbildung.

 

Trotz dieses erneuten Rückschlags rühmte sich der stellvertretende US-Verteidigungsminister Paul Wolfowitz, daß in Irak inzwischen mehr irakische Sicherheitskräfe Dienst tun als Amerikaner: 160 000 Iraker, davon 68 000 in der Polizei, 13 200 in der Zivilverteidigung, 65 300 Wächter und Objektschützer und 12 500 Grenzpolizisten im Vergleich zu 130 000 US-Soldaten.

 

Wolfowitz erwähnte nicht, daß der Einsatzwert dieser Gruppen für die amerikanischen Zwecke jedoch beschränkt ist. US-Medienberichten zufolge sympathisierten nicht wenige Polizisten mit dem nationalen Widerstand gegen die Besatzer.

 

Folglich suchen die USA zunehmend Unterstützung bei paramilitärischen Milizen, insbesondere bei den Kurden im Nordirak. Von der Idee, kurdische oder schiitische Privatmilizen auf sunnitischem Gebiet einzusetzen, nämlich dort, wo die Amerikaner auf den heftigsten Widerstand treffen, mußte das Pentagon jedoch inzwischen wieder abrücken.

 

Zu groß war die Befürchtung, auf diesem Weg die eigene Position weiter zu destabilisieren und bürgerkriegsähnliche Zustände zu provozieren. »Dies käme einem Versuch, den Irak zu zerstückeln, gleich«, warnten hohe sunnitische religiöse Würdenträger und verwiesen auf den Libanon, wo rivalisierende Milizen in der Periode von 1975 bis 1990 um die Macht im Land gekämpft hatten. Da die USA in ihrer Not aber zunehmend auch auf Privatmilizen zurückgreifen wollen, deutet sich tatsächlich im Irak eine Wiederholung der Libanon-Tragödie an.