Rüdiger Göbel
Menschenjagd im Irak
Israelischer Geheimdienst trainiert US-Spezialeinheiten zur »Neutralisierung« von Widerstandskämpfern
 
Die USA sitzen im Irak »in der Patsche«. Zu dieser Schlußfolgerung kam der indonesische Außenminister Hassan Wirayuda auf einer internationalen Sicherheitskonferenz in Jakarta. »Wir müssen nun alle mehrere Jahre die Konsequenzen des Krieges tragen.« Anders als von US-Präsident George W. Bush und seiner Regierung behauptet, habe die Irak-Invasion die Natur der Probleme rund um den Globus nicht verändert, sagte Wirayuda weiter. Das Dilemma der Besatzung unter Beschuß: Sollten die USA Irak verlassen, ohne eine intakte politische Infrastruktur geschaffen zu haben, würde dies zu einem »tödlichen Machtvakuum führen«. Erst am Sonntag hatte der Oberbefehlshaber der US-Bodentruppen im Irak, General Ricardo Sanchez, in Bagdad erklärt, er rechne in den kommenden Monaten mit einer neuen Eskalation der Widerstandsaktivitäten. Seine Truppen seien darauf vorbereitet und würden das so weit wie möglich unterbinden.

Der renommierte amerikanische Enthüllungsjournalist Seymour Hersh deckt in der jüngsten Ausgabe der US-Zeitschrift The New Yorker die neue Strategie der Aufstandsbekämpfung am Golf auf. Demnach haben israelische Geheimdiensteinheiten und Sondereinsatzkommandos der US-Armee bei der Vorbereitung des Irak-Kriegs geholfen. Beide Seiten hätten »eng« zusammengearbeitet, schreibt Hersh in dem am 15. Dezember erscheinenden Artikel. Der Beitrag wurde am Montag in der Online-Ausgabe des Magazins vorab veröffentlicht. Auf der Militärbasis Fort Bragg in North Carolina und in Israel seien amerikanische Spezialeinheiten für die Aufstandsbekämpfung im Irak trainiert worden. Vorbild seien die Operationen der Israelis gegen palästinensische Widerstandsgruppen im Westjordanland und im Gazastreifen. Unter Berufung auf israelische und amerikanische Geheimdienstmitarbeiter berichtet Hersh ausführlich über die anstehende »präemptive Menschenjagd« im Irak, das vorbeugende Killen auf Verdacht.

Demnach hat die Bush-Administration Spezialeinheiten zum schmutzigen Krieg im Irak autorisiert. Die neue Sondertruppe »Task Force 121«, zusammengesetzt aus Angehörigen der Delta Force, Navy Seals und CIA-Killern, soll in den kommenden Monaten mutmaßliche Aufständische der Baath-Partei »neutralisieren« – durch Festnahme oder gezielte Mordanschläge. Israelische Spezialisten würden der Sondertruppe weiter als »ad-hoc-Berater« zur Verfügung stehen, so Hersh.

Derzeit seien die Besatzungstruppen dabei, ehemalige Topleute der irakische Geheimdienste als Kollaborateure zu rekrutieren. Sie sollen die Widerstandsstrukturen infiltrieren und die Amerikaner mit Informationen zur Aufstandsbekämpfung versorgen. Die Strategie auf den Punkt gebracht: US-Scharfschützen operieren auf der Basis von irakischem Geheimdienstwissen. Fraglich dabei sei, so Hersh, ob die Iraker nicht ihre eigene Agenda hätten. In Vietnam jedenfalls habe eine ähnliche Operation, das Programm Phoenix, desaströse Folgen gehabt.
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