26.02.2007 / Titel / Seite 1

Antrag auf Angriff

 

Knut Mellenthin
Israel hat die USA um Erlaubnis gebeten, den Luftraum über Irak für Militärschläge gegen Iran nutzen zu dürfen. Das berichtete am Sonnabend die britische Tageszeitung Daily Telegraph unter Berufung auf militärische Quellen in Israel. Zwischen den Regierungen in Jerusalem und Wa­shington fänden derzeit Verhandlungen über einen Alleingang Israels gegen Teheran statt, schreibt das Londoner Blatt. Aus dem israelischen Verteidigungsministerium kam ein eher schwaches Dementi. Die US-Regierung enthielt sich eines Kommentars.

Dem Telegraph zufolge haben Tempo und Ausmaß der israelischen Angriffsvorbereitungen seit Anfang des Jahres zugenommen. Grundlage sei eine »Einschätzung« des israelischen Auslandsgeheimdienstes Mossad, wonach Iran schon in zwei Jahren genug Material für einen atomaren Sprengkopf besitzen könnte. Dabei handelt es sich aber offenbar um eine von der Politik diktierte Behauptung, die im Widerspruch zu allen bekannten US-amerikanischen und britischen Analysen steht. Gerade erst in der vergangenen Woche konstatierte der Chef der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA, Mohamed ElBaradei, daß Iran noch fünf bis zehn Jahre von der Entwicklung einer Atombombe entfernt sei. Vorausgesetzt, Teheran würde an solchen Waffen überhaupt arbeiten, wofür die IAEA bisher keinerlei Anzeichen gefunden habe. Israelische Stellen behaupten seit nunmehr 15 Jahren, daß Iran kurz vor dem Besitz eigener Atomwaffen stehe.

Im Anschluß an die Meldung des Telegraph behauptete am Sonntag die kuwaitische Tageszeitung Al Sisaya, Israel habe durch Vermittlung der US-Regierung auch drei Golfstaaten um Überflugrechte für Angriffe gegen Iran gebeten. Es soll sich dabei um Katar, Oman und die Vereinigten Arabischen Emirate handeln. Keiner der drei Staaten habe Einwände geäußert.

Die Meldung, die sich auf einen anonymen Diplomaten eines Golfstaates beruft, ist jedoch nicht allzu glaubhaft. Die israelische Luftwaffe müßte keinen der drei Staaten überfliegen, um Irans Atomanlagen zu erreichen. Zudem müßte zuvor der saudi-arabische Luftraum passiert werden. Und schließlich ist unwahrscheinlich, daß die drei Staaten Israel eine ausdrückliche Erlaubnis geben würden, selbst wenn sie insgeheim einverstanden wären.

So spricht alles dafür, daß die Meldung Bestandteil der psychologischen Kriegsvorbereitungen der USA und Israels ist. Dazu paßt ein Bericht des renommierten US-amerikanischen Journalisten Seymour Hersh. Dieser schreibt in der jüngsten Ausgabe des US-Magazins The New Yorker über eine »strategische Umorientierung« der US-Regierung in der Region. Ziel sei die Einbeziehung der mehrheitlich sunnitischen Staaten in eine Einheitsfront gegen den schiitischen Iran. Neokonservative Strategen schwärmten bereits von einem »kalten Krieg zwischen Sunniten und Schiiten«, aus dem– wie in Irak – schnell auch ein heißer Konflikt werden könnte. Zur neuen US-Strategie gehört nach Hershs Informationen auch die verdeckte Förderung extremistischer, militanter sunnitischer Gruppen im Libanon und im Iran. Die US-Regierung bediene sich dabei, wie schon in den achtziger Jahren in Afghanistan, der Hilfe Saudi-Arabiens.