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FREITAG, 04-2006, 27.01.2006, S. 7

Michel Chossudovsky

ATOMKRIEG GEGEN DEN IRAN

Hat Frankreichs Präsident nur ausgesprochen, was vom US Strategic Command

längst vorbereitet wird?

Das Vorspiel eines uneingeschränkten Krieges gegen die Islamische Republik Iran,

bei dem auch Atomsprengköpfe eingesetzt werden, geht in die letzten Planungsphase.

Die Koalition aus den USA, Israel und der Türkei signalisiert "ein fortgeschrittenes

Bereitschaftsstadium". Hochrangige israelische Militärs nennen Ende März 2006 als

Deadline für einen Militärschlag, wenn der nächste Report der Internationalen Atomenergie-

Agentur (IAEA) über das iranische Nuklearprogramm an die Vereinten Nationen

fällig ist. Die NATO ihrerseits hat derartigen Planungen intern bereits zugestimmt,

auch wenn noch unklar ist, wie sich die Allianz an den vorgesehenen Angriffen

beteiligt.

Es ist dem US Strategic Command Headquarters (USSTRATCOM) vorbehalten,

sämtliche Komponenten der in Frage kommenden Operationen zu koordinieren, während

die Entscheidung, wann Kampfhandlungen aufgenommen werden, selbstredend

das Weiße Haus trifft - nur soviel ist bereits sicher, Luftangriffe auf den Iran

dürften an die amerikanischen "Shock and Awe"- Bombardierungen des Irak im März

2003 erinnern, und sie werden das Ausmaß des israelischen Angriffs auf den irakischem

Kernreaktor Tammuz am 7. Juni 1981 deutlich übertreffen. Mit der vollen Kraft

von B-2-Stealth-Bombern, die von Diego Garcia oder direkt von Basen in den USA

aus eingesetzt werden - möglicherweise ergänzt durch F-117 Stealth-Fighter, die in

Udeid in Katar oder andernorts in der als Gefechtsfeld ausersehenen Region stationiert

sind - sollen die iranischen Nuklearanlagen angegriffen werden.

Bereits im November 2005 hatte das US Strategic Command eine Übung für einen

"Global Lightening" genannten Operationsplan abgehalten, bei der Angriffe mit konventionellen

und atomaren Waffen gegen einen "fiktiven Feind" simuliert wurden.

Danach gab das US-Oberkommando einen "fortgeschrittenen Bereitschaftszustand"

bekannt. Während in Presseberichten vielfach die Vermutung auftauchte, beim "Global

Lightening"-Manöver sei Nordkorea der "fiktive Feind" gewesen, legte der Zeitpunkt

der Operation nahe, dass ein Militärschlag gegen den Iran durchgespielt wurde.

Waffen des letzten Auswegs

Die aufgerufene Kriegsagenda beruht auf der Doktrin des "präemptiven Nuklearkriegs",

wie sie von der Bush-Administration mit der Nuclear Posture Review (NPR)

von 2002 formuliert wurde, und schließt den Einsatz von Kernwaffen gegen den Iran

bei "chirurgischen Schlägen" nicht aus. Nach einer Entscheidung des US-Senats von

2003 scheint die Zeit inzwischen reif zu sein, eine neue Generation taktischer Kernwaffen

- der "low yield mini-nukes" mit einer Explosionskraft von bis zu sechs Hiro-

shima-Atombomben - einzusetzen, die als "sicher für Zivilisten" apostrophiert werden,

da die Waffe unter der Erde detoniert.

Mit einer Propagandakampagne, die sich nicht zuletzt auf "maßgebende" Atomwissenschaftler

verlassen kann, werden "mini-nukes" geradezu als "Instrumente des

Friedens" hofiert, die nun "für das Schlachtfeld freigegeben" seien, um im "Krieg gegen

den Terrorismus" neben konventionellen Waffen eingesetzt zu werden. Die

Bush-Administration argumentiert, "Low-yield"-Atomwaffen seien zur glaubwürdigen

Abschreckung von Schurkenstaaten wie Iran und Nordkorea unverzichtbar. Die bisher

vorhandenen Nuklearwaffen hätten eine zu hohe Zerstörungskraft, um sie außerhalb

einer umfassenden thermonuklearen Konfrontation anzuwenden. Potenzielle

Feinde wüssten dies, so dass die Androhung einer atomaren Vergeltung an Glaubwürdigkeit

verliere. Angesichts dieses Dilemmas sorgten "mini-nukes" für Abhilfe, von

denen eher anzunehmen sei, dass sie zum Einsatz kämen.

Wir stehen insofern an einem gefährlichen Scheideweg: Die Militärplaner glauben -

wie nicht anders zu erwarten - ihrer eigenen Propaganda und behaupten, die neue

Generation von Kernwaffen sei "sicher" genug, um sie auf dem Schlachtfeld zu verschießen.

Man müsse "mini-nukes" nicht länger als Waffen des letzten Auswegs betrachten.

Senator Edward Kennedy hat nicht Unrecht, wenn er konstatiert, die Bush-

Regierung habe es fertig gebracht, "eine Generation brauchbarerer Atomwaffen" zu

entwickeln. __Im Übrigen bereitet sich auch die israelische Regierung nach den

Worten des Atomforschers Mordechai Vanunu darauf vor, in ihrem nächsten Krieg

gegen die islamische Welt Kernwaffen einzusetzen.

"Conplan 8022"

Für einen präemptiven Angriff mit taktischen Nuklearwaffen sieht sich das USStrategic

Command (USSTRATCOM) in der Offutt Air Force Base in Nebraska mit

neuen Vollmachten ausgestattet, um - wie es im Militärjargon heißt - die Rolle eines

"globalen Integrators" zu übernehmen, der für Operationen im Weltraum, Nachrichten-

Operationen, integrierte Raketenabwehr, für die Geheimdienste, die Überwachung

und Aufklärung sowie den globalen Angriff und die strategische Abschreckung

zuständig ist. Im Januar 2005, als der militärische Aufmarsch gegen den Iran begann,

wurde USSTRATCOM als "das führende Kampfkommando für die Integration

und Feinabstimmung der Bemühungen des Verteidigungsministeriums hinsichtlich

der Bekämpfung von Massenvernichtungswaffen" eingesetzt.

Um diesen Auftrag abzusichern, entstand gleichzeitig eine nagelneue Befehlseinheit:

die Joint Functional Component Command Space and Global Strike (JFCCSGS/

Kommandostelle für die vereinigten Komponenten Weltraum und weltweiter Angriff).

Auf einen Nenner gebracht, hat JFCCSGS die Aufgabe, die Auslösung eines nuklearen

Angriffs im Sinne der erwähnten Nuclear Posture Review (NPR) zu überwachen,

die einen präemptiven Einsatz nuklearer Gefechtsköpfe nicht nur gegen "Schurkenstaaten",

sondern notfalls auch gegen China und Russland vorsieht.

Im Augenblick befindet sich das JFCCSGS in einem Zustand "erhöhter Bereitschaft",

militärische Handlungen auszulösen, die gegen den Iran oder Nordkorea gerichtet

sind. Die operative Umsetzung eines solchen Vorgehens trägt den Code-Namen

Concept Plan ("Conplan") 8022 - das Planungstableau für strategische Szenarien,

die Kernwaffen einbeziehen. "Conplan 8022" ist speziell auf die so genannten neuen

Bedrohungen zugeschnitten, womit nicht nur Iran und Nordkorea gemeint sind, sondern

auch andere potenzielle Produzenten von Atomwaffen und Terroristen. "Es gibt

nichts, was sie (die Amerikaner - der Verf.) daran hindert, ›Conplan 8022‹ bei begrenzten

Szenarien gegen russische und chinesische Ziele anzuwenden", schrieb

Hans Kristensen vom Nuclear Information Project im Japanese Economic Newswire

vom 30. Dezember 2005.

Oberbefehlshaber George Bush würde in diesem Fall dem Verteidigungsminister einen

entsprechenden Befehl geben, der seinerseits die Stabschefs anzuweisen hätte,

"Conplan 8022" in Kraft zu setzen. Dabei gibt es eine aufschlussreiche Besonderheit:

Bei "Conplan 8022" ist der Einsatz von Bodentruppen nicht vorgesehen.

Gemäß diesem strategischen Kalkül und in Erwartung eines Angriffs auf den Iran hat

die israelische Armee seit Ende 2004 in den USA hergestellte konventionelle und

nukleare Systeme eingelagert. Diese Vorratsbildung - über die US-Militärhilfe finanziert

- war im Juni 2005 weitgehend abgeschlossen und umfasste neben Fernlenkraketen

auch 500 "Bunker Buster Bombs" (Bunkerbrecher), die mit Kernsprengköpfen

bestückt werden können. Vorzugsweise handelt es sich um B61-11, die "Nuklearversion"

der konventionellen BLU-113. Allerdings ist die Fähigkeit von B61-11, in die Erde

einzudringen, ziemlich begrenzt. Tests zeigen, dass sich diese Bombe nur sechs

bis sieben Meter tief in trockenen Boden wühlt, wenn sie aus einer Höhe von etwa

13.000 Metern abgeworfen wird. Trotzdem wird - verglichen mit einer Detonation an

der Oberfläche - ein viel größerer Anteil der Explosionsenergie in Erschütterungen

des Bodens übertragen. Jeder Versuch, sie in einer städtischen Umgebung einzusetzen,

würde daher eine große Zahl ziviler Opfer zur Folge haben. Sogar bei einer

Bombe kleineren Kalibers, mit einer Explosionskraft bis zu 300 Kilotonnen, wird die

Druckwelle einen riesigen Krater aufreißen und eine tödliche Gamma-Strahlung

auslösen.

Bis nach Zentralasien

Die Regierung in Teheran hat mehrfach erklärt, dass sie im Falle eines Angriffs mit

dem Abschuss ballistischer Raketen auf Israel reagieren werde, wie CNN bereits am

8. Februar 2005 berichtete. Ähnliche Attacken sind auch amerikanischen Militäreinrichtungen

im Irak und am Persischen Golf zugedacht, so dass ein umfassender

Krieg im Mittleren Osten die Folge sein könnte. Gibt es im Augenblick mit Afghanistan,

Irak und Palästina drei mehr oder weniger separate Kriegsschauplätze, könnte

ein Luftkrieg gegen den Iran die Eskalation bis nach Zentralasien treiben. Inzwischen

lässt sich auch erkennen, dass mögliche Angriffe auf den Iran vom Rückzug der syrischen

Truppen aus dem Libanon nicht zu trennen sind - seither bieten sich für den

Fall einer Eskalation der israelischen Armee größere Entfaltungsräume in der ganzen

Region.

Erst kürzlich hat Teheran seine Luftabwehr durch den Erwerb von russischen 29-Tor-

M-1 Raketenabwehrsystemen verstärkt. Im Oktober 2005 wurde der iranische Spionagesatellit

Sinah-1 auf einer russischen Trägerrakete in eine Umlaufbahn geschossen

- nur der erste von mehreren iranischen Flugkörpern, die im Weltraum stationiert

werden sollen, um über ein Netzwerk zur Früherkennung von Luftangriffen zu verfügen.

Nur wird ein solches System bestenfalls eine bescheidene Kopie der leistungsfähigen

israelischen und amerikanischen Systeme sein, die auch das kleinste Zittern

in den Bärten der Mullahs von Teheran zu registrieren vermögen. Wie jüngst die bri-

tische Sunday Times berichtete, hat Russland einen Vertrag über die Lieferung eines

modernen Verteidigungssystems gegen Fernlenkraketen und lasergesteuerte Bomben

an den Iran im Wert von einer Milliarde Dollar abgeschlossen, das schon in wenigen

Monaten installiert sein soll.

Obwohl ein Bodenkrieg laut "Conplan 8022" nicht erwogen wird, könnte er dann nicht

aufzuhalten sein, sollten iranische Truppen die Grenze zum Irak überschreiten und

die US-geführte "Koalition der Willigen" angreifen. Offenkundig werden derartige Eventualitäten

nicht ausgeschlossen, wie sich allein schon der Tatsache entnehmen

lässt, dass sich Ankara und Tel Aviv im Vorjahr auf ein Abkommen geeinigt haben,

das es der israelischen Armee gestattet, Manöver in den türkischen Bergregionen an

der Grenze zum Iran abzuhalten. Die Vereinbarung kam nach Verhandlungen von

Dan Halutz, dem israelischen Oberbefehlshaber, in der Türkei zustande, der sein Ersuchen

mit absehbaren Schwierigkeiten begründete, die Bergregionen nahe der iranischen

Grenze im Winter zu durchqueren. Die Nachricht über das Abkommen wurde

veröffentlicht, als türkische Offizielle den Vorwurf abzuwehren versuchten, sie würden

mit den Vereinigten Staaten bei der Spionage gegen die Nachbarländer Syrien

und Iran kooperieren. Seit Wochen häufen sich in der arabischen Presse Berichte über

die prinzipielle Bereitschaft Ankaras, türkisches Hoheitsgebiet sowie türkischen

Luftraum für Militäraktionen gegen den Iran zur Verfügung zu stellen.

Die Konsequenzen des beschriebenen Szenarios wären erschütternd. Es ist an der

internationalen Gemeinschaft, sich über die Möglichkeit eines nuklearen Massenmords

klar zu werden. Nur sind leider diejenigen, die zu entscheiden haben, von ihrer

eigenen Propaganda geblendet. Über Luftangriffe mit taktischen Kernwaffen gibt es

inzwischen einen politischen Konsens zwischen Westeuropa und Nordamerika, ohne

die verheerenden Folgen in Betracht zu ziehen. Ein solches militärisches Abenteuer

würde die Zukunft der Menschheit bedrohen. Notwendig wäre es - national und international

- das Kartell des Schweigens zu durchbrechen, um die augenblicklichen

Gefahren zu benennen und ins Zentrum der politischen Aufmerksamkeit zu rücken.

Die politischen und militärischen Führer sollten herausgefordert und zu einer deutlichen

Position gegen einen von den USA einkalkulierten Atomkrieg gezwungen werden.

Notwendig sind gleichermaßen internationale Sanktionen, um die USA und Israel

zur Mäßigung zu zwingen.

Wir danken der Redaktion von Zeit-Fragen in der Schweiz.

s. auch www.global-research.ca

Michel Chossudovsky

Professor für Ökonomie an der Universität Ottawa und Direktor des Center for Research on

Globalization - ist Autor des internationalen Bestsellers Global Brutal ("The Globalization of

Poverty"), der in elf Sprachen übersetzt wurde. Er schrieb auch Beiträge für die Encyclopaedia

Britannica. Sein jüngstes Buch trägt den Titel America´s War on Terrorism. Global Research

und erschien 2005.

Website: www.global-research.ca