junge Welt vom 30.04.2003
 
Kommentar

Intifada ausgelöst?

US-Truppen schossen auf irakische Demonstranten

Werner Pirker
 
Die USA stünden für alle Zeiten auf der Seite eines freien Irak. Diese Rührstory hat Bush Sohn arabischstämmigen Amerikanern erzählt. Im Irak selbst stoßen die Okkupanten auf immer stärkeren Widerstand. Nach dem schmachvollen Ende des Baath-Regimes begann erst der nationale Widerstand. Außer Plünderern und Spekulanten will niemand im Irak in den US-Soldaten Befreier sehen. Das bekommen die von Tag zu Tag stärker zu spüren. In der Stadt Faludscha reagierten die US-Boys ihren Zorn über das Ausbleiben von Ergebenheitsbekundungen in einem Blutbad ab. Sie eröffneten das Feuer auf Teilnehmer einer Anti-US-Kundgebung. Dabei sollen mindestens 15 Menschen getötet und – nach Auskunft des Chefarztes des örtlichen Krankenhauses – 75 verletzt worden sein.

 

Ein aus der Menge geworfener Stein soll es laut einem Bericht des Senders Al Dschasira gewesen sein, der die Überbringer der »Iraqui Freedom« in einen Blutrausch versetzt hat. Er könnte eine irakische Intifada ausgelöst haben. Nationalreligiöser Widerstand ist im Begriff, den Baathismus, der ursprünglich eine arabisch-nationalistische, säkulare Befreiungsbewegung war, abzulösen. Und es ist keineswegs ausgeschlossen, daß sich das Besatzungsregime im Kampf gegen die überwiegend schiitische Rebellion auf Teile des ehemaligen baathistischen Machtapparates stützen wird. Denn mit den irakischen Hochstaplern, die eingeflogen wurden, ist gewiß kein Staat zu machen.

 

Diese Annahme findet ihre Bestätigung in einem Vorfall, der sich in Al Azzija ereignet hat. Dort wurden Mitarbeiter des amerikanischen »Office for Reconstruction and Humanitarian Aid!« (ORHA) von einer aufgebrachten Menschenmenge mit Steinen beworfen. Der Volkszorn hatte sich entzündet, als bekanntgeworden war, daß die Amerikaner ihren Ansprechpartner im örtlichen Scheich, einem ehemaligen ranghohen Baath-Mitglied, gefunden hatten. Die Befreiung, die sie verheißen, ist somit nicht einmal eine Befreiung von der Baath-Partei. Das »bestialische Regime« darf in seinen mittleren und unteren Gliederungen weiterexistieren. Somit dürfte auch die Frage beantwortet sein, warum Bagdad kampflos gefallen ist.

 

Es war nicht der repressive Charakter der Baath-Herrschaft, der Washington veranlaßte, sie zu beseitigen, sondern deren relative Unabhängigkeit und ihre staatskapitalistische Orientierung. Solches ist von den Kapitulanten nicht zu befürchten. Und so richtet sich die Gewaltherrschaft der USA gegen die, die zu befreien sie vorgaben: gegen die schiitischen Gegner des säkularen Baath-Regimes. Gegen die unter islamisch-fundamentalistischem Einfluß stehenden Massen. Sie fürchten – siehe Saudi-Arabien – nicht den Islamismus, sondern die Massen, die ihn als Befreiungsidee adaptiert haben.

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