Junge Welt   5.03.2011 / Ausland / Seite 6Inhalt

Indien – größter Waffenimporteur

Staatshaushalt sieht 32,5 Milliarden Dollar für den Verteidigungssektor vor

Von Hilmar König
Im Zuge seines ehrgeizigen Vorhabens, den Status einer Supermacht zu erlangen, hat sich Indien zum weltweit größten Rüstungsimporteur gemausert. Das meldete am Montag das Stockholmer Friedensforschungsinstitut SIPRI. Zwischen 2006 und 2010 betrug Indiens Anteil am internationalen Waffenimport neun Prozent, gefolgt von China und Südkorea mit je sechs und Pakistan mit fünf Prozent.

Da Neu-Delhi die Modernisierung seiner Streitkräfte, vor allem der Luftwaffe und der Marine, vorantreibt, braucht es zwangsläufig mehr und »bessere« Rüstungsgüter. So stehen allein 126 Kampfflugzeuge, 200 Hubschrauber sowie Flugzeugträger, U-Boote und Amphibienfahrzeuge auf der Wunschliste. Das Wertvolumen beläuft sich auf etliche Milliarden Dollar. Das unlängst verabschiedete Verteidigungsbudget für 2011/12 sieht 32,5 Milliarden Dollar für diesen Sektor vor. Das ist eine Steigerung gegenüber 2009 von rund 40 Prozent. Laut SIPRI wird Indien seine Spitzenposition im Waffenimport in den nächsten Jahren behaupten.

70 Prozent des indischen Rüstungsbedarfs werden durch Einfuhren abgedeckt. Größter Lieferant ist traditionell Rußland mit 82 Prozent Anteil. Es folgen die USA, Großbritannien, Frankreich und Israel. In den letzten Jahren hat sich der Trend verstärkt, Rüstungsimporte mit einem Technologietransfer zu verknüpfen, weil das der indischen Rüstungsindustrie bemerkenswerte Impulse gibt. Moskau zeigte sich da bislang williger als die Exporteure aus dem Westen.

Neu-Delhi rechtfertigt die enormen Ausgaben für die Streitkräfte mit den »Gefahren aus dem internationalen Terrorismus« und der Sicherheitslage auf dem südasiatischen Subkontinent. Das Verhältnis zu China, dem Nachbarn im Norden, mit dem es seit dem Krieg von 1962 einen schwelenden Grenzkonflikt gibt, hat sich zwar verbessert. Doch sieht Indien die Volksrepublik noch immer als militärische Bedrohung an. Und mit Pakistan im Westen besteht seit der Unabhängigkeit beider Länder im Jahre 1947 ein gespanntes Verhältnis, das bereits dreimal zu Kriegen und auf beiden Seiten zur atomaren Bewaffnung führte. Die »Erzfeinde« – das belegt auch Pakistans vierte Position in der globalen Rüstungsimportliste – trauen sich trotz aller Absichtserklärungen und halbherzigen Entspannungs- und Aussöhnungsversuche nicht über den Weg. Nicht zuletzt der ungelöste Kaschmir-Konflikt liefert dafür einen zusätzlichen Grund.

Zweifellos fließen in Indien wie in Pakistan Unsummen in den Verteidigungssektor, die zur Bekämpfung der Massenarmut, für Bildung und Gesundheit oder zur Entwicklung der Infrastruktur dringend gebraucht werden. In den letzten Wochen kam es in indischen Städten immer wieder zu Massendemonstrationen gegen den Preisauftrieb bei Grundnahrungsmitteln, Treibstoff und Waren des täglichen Bedarfs. Die Inflationsrate liegt aktuell bei 8,31 Prozent. Die Zentralbank versucht zwar mit monetären Eingriffen gegenzusteuern, und Regierungschef Manmohan Singh beteuert ständig, mehr Geld für das Heer der Bedürftigen abzweigen zu wollen. Doch ein Anzapfen des Rüstungshaushalts steht nicht zur Debatte.