Die Schweine haben sein Gehirn gewaschen" (t-news  2.8.03)

Von Christian Kreutzer

Seit 17 Monaten sitzt der Bremer Deutsch-Türke Murat Kurnaz, 21, in Guantanamo Bay. Warum, ist nicht bekannt - die US-Behörden haben einen Mantel des Schweigens über alle Vorgänge in den Camps X-Ray und Delta gezogen. T-Online hat die Geschichte des jungen Mannes recherchiert. Heraus kam das nicht untypische Bild eines Jugendlichen auf der Suche nach sich selbst:

Hoffen und Bangen
"Es sollen bald alle Türken in Guantanamo freikommen," - Rabiye Kurnaz schaut fragend, als warte sie auf eine Bestätigung. "Aber vielleicht auch nicht, wer weiß," sagt sie Sekunden später. Sie stützt den Kopf in die Hände und versinkt in Schweigen. So geht das immer: Mal gibt es ein bisschen Hoffnung. Dann wünscht sie sich, dass das Telefon klingelt. Am anderen Ende wäre ihr Sohn Murat, 21, der sagt, dass er endlich frei sei und an die Türkei ausgeliefert werde.

"Wenn er kommt, fliegen wir schnell in die Türkei"
Gestern war wieder so ein Tag: Da hat sie das Gerücht über die Freilassung aller Türken aus den Camps "X-Ray" und "Delta" in Guantanamo Bay gehört. Von einer Bekannten. Angeblich eine Meldung in der türkischen Presse. "Wenn euer Bruder jetzt kommt", hat sie gleich zu ihren zwei Jüngeren gesagt, "fliegen wir schnell in die Türkei und holen ihn ab." Doch bis heute hat sich nichts bestätigt und Kurnaz kämpft wieder einmal gegen die Enttäuschung.

Fotoserie: Die Gefangenen von Guantanamo Bay
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Gläubig, aber nicht bigott
Rabiye Kurnaz ist eine Mutter aus Bremen-Hemelingen. Eine, wie man so sagt, moderne Frau. Gläubig, aber nicht bigott. Ihre vier Kinder und deren Freunde sind Deutsch-Türken der dritten Generation, tief verwurzelt in der hanseatischen Gesellschaft. Hauptthemen sind die Arbeit und das Geldverdienen: Vater Metin schuftet seit zwölf Jahren in der Nachtschicht bei Daimler-Chrysler, weil das ein paar hundert Euro mehr einbringt, als die Tagschicht.

Pubertäre Irrwege
Auf diese Weise sind die Kurnaz zu einem eigenen Häuschen gekommen, fahren einen Benz und sind schick angezogen - alles ganz normal. Die pubertären Irrwege ihres ältesten Sohnes indes, haben der Familie Kurnaz ein Schicksal von internationalen Dimensionen beschert.

"Sie erzählen uns nichts"
Murat sitzt seit über eineinhalb Jahren im Camp Delta auf Kuba. Warum, weiß eigentlich niemand. Nicht die Familie Kurnaz, nicht deren deutscher Anwalt Bernhard Docke und auch nicht die Bremer Kripo, die nach Murats Verschwinden ermittelt hat. "Sie erzählen uns nichts", sagt Docke. "Wir sollten uns an das türkische Außenministerium wenden, aber von denen erfährt man auch nichts."

Ein Deutscher mit türkischem Pass
Docke und die Kurnaz haben den Eindruck, dass die Türkei sich nicht gerade für Murat engagiert, der in Deutschland geboren ist, aber einen türkischen Pass besitzt. "Ich habe ihm immer wieder gesagt: Nimm die deutsche Staatsbürgerschaft an", sagt Rabiye Kurnaz. "Aber wie die jungen Leute so sind - alles andere war ihm wichtiger: Der Führerschein, der Hund, dies und jenes." Jetzt muss sich das Auswärtige Amt in Berlin, das der Familie gerne weiterhelfen würde, von den Amerikanern sagen lassen, dass Murat sie eigentlich nichts angeht. Und die Türkei, die in den USA zur Zeit auch nicht gerade viel zu melden hat, wartet lieber ab.

"Die USA haben wahllos zugegriffen"
Gründe für die Haft werden nicht genannt. Dabei ist es ist gut möglich, dass es gar keinen Grund gibt, dass Murat selbst nicht weiß, warum er dort gelandet ist. Und es scheint ebenfalls möglich, ja fast wahrscheinlich, dass nicht einmal die US-Militärs wissen, warum sie gerade Murat mitgenommen haben. "Die USA haben offenbar wahllos zugegriffen", sagt Sumit Bhattacharya, USA-Experte der deutschen Sektion von Amnesty International. In Guantanamo Bay säßen Greise, Jugendliche und Behinderte. Wer irgendwie auffällig war, sei dorthin gebracht worden. Die USA brauchten vorzeigbare Erfolge: "Man muss ihnen innenpolitische Ziele unterstellen", sagt Bhattacharya.

Abgelegt wie in einem Hängeordner
Um ihre Landsleute zu beruhigen, nehmen die USA für sich das Recht in Anspruch, Murat und rund 700 andere bis auf weiteres in Guantanamo Bay wegzusperren, so wie man Akten zur späteren Einsicht in einem Hängeordner ablegt - gut gefüttert und medizinisch versorgt, jedoch ohne Anwalt, ohne die Kontrolle von Presse und Öffentlichkeit, ohne konkrete Vorwürfe, ohne die Vorlage von Beweisen, ohne das Recht auf Berufung nach einer Verurteilung vor einem der geheimen Militärgerichte, fast ohne Kontakt zu ihren Angehörigen und ohne irgendeine Information wie es mit ihnen weitergehen wird - das Ganze zeitlich unbegrenzt. "Unrechtmäßige Kombattanten" im "Krieg gegen Terror" eben - Begriffe, die das US-Verteidigungsministerium erst erfinden musste, weil sie im internationalen Recht nicht vorkommen.

"Schüchtern und hilfsbereit"
"Als Murat bei mir angefangen hat, war er unglaublich schüchtern", sagt Fuat A., Murats früherer Chef und Freund, der in Bremen ein Fitness-Studio betreibt. "Geistig war er aber für sein Alter schon sehr weit und er war so lieb und hilfsbereit, dass ich ihn irgendwann einfach ins Herz geschlossen habe." Religion war bei den beiden kein Thema. "Klar: Ich bin auch religiös, wie alle", sagt Fuat, der ab und zu in die türkische Moschee ganz in der Nähe geht. "Aber das spielt nicht die große Rolle." Fuat ist blond, blauäugig und bartlos. Wer ihn sprechen hört, denkt: Ein typisches Nordlicht. Keine Spur von türkischem Akzent - ebenso wie bei Murat.

Selbstvertrauen aus dem Fitness-Studio
Fuats Eltern haben sich erst gewundert, dass er immer mit Murat zusammenhing, der doch neun Jahre jünger war, als er selbst. Als sie ihn dann kennenlernten, akzeptierten sie seine Wahl - Murat gefiel auch ihnen sofort. "Er wollte was aus sich machen, wollte etwas darstellen", sagt Fuat. Murat habe viele Ziele gehabt. Im Jahr 2000, fing er eine Lehre als Schiffsbau-Techniker an. Alles lief bestens. "Von seinem Meister schwärmte er immer", sagt Frau Kurnaz. In Fuats Studio trainierte sich Murat mehr Selbstvertrauen an und verdiente sich was dazu. Seine Freunde waren Türken, Deutsche, Jugoslawen, Italiener. Mädchen gab es auch, bis Murat standesamtlich in der Türkei heiratete. Seine Fau sollte später nach Deutschland kommen.

"Plötzlich kapselte er sich ab"
Dann, es muss etwa ein Jahr vor den Anschlägen des 11. September gewesen sein, änderte sich der 18-Jährige überraschend: "Er wurde schweigsam, kapselte sich ab, sprach nur noch über Religion und hörte nicht mehr auf die Meinungen anderer", sagt Fuat. Geld, Kleider und sein Motorrad-Führerschein seien ihm auf einmal nicht mehr wichtig gewesen - Symptome, die für Pädagogen und Sektenexperten klare Alarmsignale darstellen. Zu dieser Zeit hatte Murat offenbar angefangen, alle möglichen Moscheen in und um Bremen abzuklappern. "Er war wohl auf der Suche, wie viele junge Männer", sagt Fuat.

Videos von Vergewaltigungen
Zusammen mit Selcuk B., einem ebenfalls älteren Freund aus der Nachbarschaft, begann er an der Heimatfront für die muslimische Sache zu kämpfen: Serben hatten im Kosovo-Krieg Vergewaltigungen von Albanerinnen auf Video aufgenommen und verkauft. Diese führten Murat und Selcuk vor, um zu zeigen, was Muslimen angetan wurde.

Die Anziehungskraft der arabischen Moscheen
Irgendwann landeten sie in der arabischen Abu-Bakr-Moschee in der Bremer Breitenstraße. Zwar beten Türken und Araber meist streng getrennt. "Es gibt aber, " sagt der Bremer Islamwissenschaftler Tilman Hannemann, "unter manchen jungen Türken eine Tendenz, in arabische Moscheen zu gehen", obwohl sie dort noch nicht einmal die Sprache verstünden. Alles Arabische gelte als authentisch und glaubwürdig im Vergleich zum lauen, türkischen "Staats-Islam".

Unter Beobachtung des Geheimdienstes
Die Abu-Bakr-Moschee wird seit einiger Zeit von Kripo und Verfassungsschutz beobachtet, weil sich dort - zumindest sagen dies sämtliche Szenekenner - immer wieder islamistische Rattenfänger unter die Gläubigen mischen. "Diese Schweine haben sein Gehirn gewaschen", sagt Rabiye Kurnaz immer wieder.

Nur noch arabische Floskeln
Wen Murat und Selcuk dort oder anderswo getroffen haben, ist unbekannt. Die Bremer Ausländerbeauftragte Dagmar Lill kennt einen Türken, der Murat kurz vor dem 11. September getroffen hat. Der sei entsetzt gewesen, wie der mittlerweile 19-Jährige sich verändert habe. Mit Bart und traditioneller Kleidung sei er dahergekommen und habe "ziemlich radikale Ansichten vertreten". So hat ihn auch Fuat erlebt: "Der redete nur noch in arabischen Floskeln mit "Al-Hamdulillah" (Gott sei Dank) und ´Inscha´allah" (Wenn Gott will) und so weiter."

Telefon monatelang ausgehängt
Nach dem 11. September wurde es noch schlimmer: Murat fand es offenbar klasse, dass die Amerikaner endlich "eins drauf gekriegt" hatten. Dann stand der Krieg gegen die afghanischen Taliban ins Haus und am 3. Oktober war Murat verschwunden, unterwegs nach Pakistan. Ein Marokkaner, der von der Kripo gesucht wird, hatte ihm und Selcuk das Ticket gezahlt. Selcuk, der eine Geldstrafe nicht gezahlt hatte, wurde an der Ausreise gehindert und so flog Murat allein. Seine Mutter, die aus allen Wolken fiel, rief er an, sie solle sich keine Sorgen machen, er wolle nur den "wahren Islam" kennen lernen. Murats Vater war so wütend über die "Verantwortungslosigkeit" des Sohnes, Frau und Ausbildungsplatz im Stich zu lassen, dass er monatelang das Telefon aushängte.

"Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht"
Kurz vor Silvester 2001 rief die Kripo bei den Kurnaz an: "Ich habe eine gute und einer schlechte Nachricht", sagte der Bremer Ermittler: "Die gute ist: Murat lebt. Die schlechte ist: Er sitzt in Guantanamo Bay." Die Amerikaner hatten ihn zunächst für einen Deutschen gehalten, sonst wäre vielleicht überhaupt nichts bekannt geworden. Verhaftet wurde er offenbar in Pakistan - möglicherweise verkauft von irgendwem, der ihn anschwärzte, glaubt Rechstanwalt Docke. Noch am gleichen Tag versammelte sich die Boulevard-Presse vor ihrem Haus und fantasierte ausgiebig über den "Bremer Taliban". In seinen Briefen - fünf hat Frau Kurnaz bisher bekommen, den letzten im April 2002 - schreibt er, dass er nichts getan habe und nicht wisse, warum er gefangen sei.

Wollte er zu den Taliban?
"Vor seinem persönlichen Hintergrund und vor dem zeitlichen Hintergrund seiner Reise, wäre es rein theoretisch möglich, dass er vorhatte, sich den Taliban anzuschließen", sagt Rechtsanwalt Docke. Doch dazu könne es in den zwei Monaten zwischen Abreise und Verhaftung unmöglich gekommen sein - Murat hatte keinerlei militärische Ausbildung.

"Diese Schweine"
Rabiye Kurnaz versucht, mit ihren zwei anderen Jungs - die ältere Schwester ist schon aus dem Haus - ein normales Leben zu führen, doch das Warten auf Neuigkeiten bestimmt ihren Alltag. Aus Selcuk, Murats islamistischem Weggefährten, ist nichts rauszukriegen. Er läuft immer noch in der "Tracht" der Islamisten herum. "Diese Schweine", sagt Kurnaz zum x-ten Mal.

T-Online 

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