21.02.2013 / Schwerpunkt / Seite 3

Terrorgruppe der NATO

Die Spitzenoperation von »Gladio« in Italien: Bei der Entführung und Ermordung Aldo Moros führte die Geheimarmee der CIA und des westlichen Militärpakts Regie

Gerhard Feldbauer
Verzerrt und an seiner strategischen Zielsetzung vorbei befaßte sich Bild am Sonntag am 27. Januar anhand eines Justizirrtums bzw. omplotts mit der berüchtigten »Stay behind«-Truppe der NATO, die in Italien »Gladio« (Kurzschwert) hieß. Auch der ZDF-Talk »Markus Lanz« am 14. Februar ging wenig auf die Brisanz des Themas ein, als der 22 Jahre lang unschuldig inhaftierte Giuseppe Gulotta zu Gast war. Dem heute 55jährigen war 1976 die Ermordung von zwei Carabinieri untergeschoben worden. Mit deren Liquidierung sollte ein »Gladio«-Waffentransport vertuscht werden (siehe unten und jW vom 16./17. Februar). Eine der spektakulärsten »Stay behind«-Operationen in Italien war im Frühjahr 1978 die Entführung und Ermordung des christdemokratischen Parteiführers Aldo Moro. Daß »Gladio« im Geflecht von NATO, CIA und den italienischen Partnerdiensten Regie führte, wurde freilich erst 1991 nach seiner Aufdeckung bekannt.

Im Januar 1978 hatten der Führer der Democrazia Cristiana, Aldo Moro, und der Generalsekretär der Kommunistischen Partei Italiens (PCI), Enrico Berlinguer, ein Abkommen über die Regierungszusammenarbeit ihrer Parteien beschlossen. Seit Moro Mitte der 1970er Jahre diesen Kurs eingeschlagen hatte, war er in den USA einer regelrechten Mordhetze ausgesetzt, wurde als der »Allende Italiens« und »gefährlicher als Castro« verketzert. Der damalige US-Außenminister Henry Kissinger forderte bereits 1975, die CIA habe in Italien »Realitäten zu schaffen«, was ihr früherer Vizedirektor und Leiter ihres Center of Strategic and International Studies, Ray Cline, in der New York Times unverblümt so präzisierte, daß »die Situation in Italien durch die Geheimaktivitäten der CIA gelöst werden wird«.

Für den 16. März 1978 war die Vorstellung der zunächst mit parlamentarischer Unterstützung der PCI gebildeten Regierung im Parlament angesetzt. Der direkte Eintritt der Kommunisten in das Kabinett war nach einer Übergangsphase vorgesehen. Auf der Fahrt in die Abgeordnetenkammer wurde Moro in der Via Fani von einem Kommando der »Brigate Rosso«, der Roten Brigaden, entführt und am 9. Mai 1978 ermordet. Der fünfköpfige Personenschutz des DC-Führers wurde liquidiert. Zum Zeitpunkt des Kidnappings befand sich Oberst Camillo Gugliemo, Direktor des Büros für Innere Sicherheit des Militärischen Geheimdienstes SISMI, vor Ort. Im Auftrag von SISMI-General Pietro Musemeci, beobachtete Gugliemo, ob es mit der Entführung auch klappt.

Wie 1990/91 bei der Aufdeckung von »Gladio« bekannt wurde, leitete Colonello Gugliemo als verantwortlicher Kommandeur die Spezialausbildung von »Stay behind«-Einheiten auf dem NATO-Stützpunkt Cap Marragiu auf Sardinien. Dort wurden, wie der Chefredakteur der regierungskritischen Zeitschrift Tempo, Livio Januzzi, bereits am 14. Juni 1976 auf einer Pressekonferenz in Rom enthüllt hatte, Undercoveragenten für Einsätze in den »Brigate Rosse« (BR) ausgebildet, um Brigadisten für Kommandounternehmen zur Entführung und Ermordung von Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Justiz anzuleiten. Zirka 2400 solcher Anschläge fielen zwischen 1969 und 1978 Dutzende der Zielpersonen und Hunderte zufällig anwesende Menschen zum Opfer. Januzzi erklärte, bei einer solchen Operation sei zwei Wochen vorher der Genueser Oberstaatsanwalt Francesco Coco mit zwei Begleitern ermordet worden. Die »Gefängnisse« der BR für entführte Personen würden vom Geheimdienst vorbereitet. Dessen (damaliger) Chef, General Vito Miceli, habe den Plan, die »Brigate Rosse« geheimdienstlich zu steuern, persönlich gebilligt. Aber Januzzis Enthüllungen wurden als Verschwörungstheorien abgetan. Nach der Aufdeckung von »Gladio« und der Untersuchung seiner verfassungswidrigen Tätigkeit durch eine Parlamentskommission wurden seine damaligen Ausführungen durch zahlreiche Aussagen, darunter auch von Geheimdienstlern, bestätigt. Die Publizisten Antonio und Gianni Cipriano haben in ihrem Buch »Begrenzte Souveränität. Geschichte der atlantischen Subversion in Ita­lien« (Rom 1991) unter anderem nachgewiesen, daß in den 1970er Jahren auf Marragiu Tausende von »Gladiatoren« ausgebildet wurden, von denen viele als Undercoveragenten in linksextreme Gruppen eingeschleust wurden, in denen sie zu Terrorakten anstachelten. General Gerardo Serravalle, von 1971 bis 1974 Befehlshaber der »Gladio«-Division, bestätigte vor der »Stay behind«-Untersuchungskommission, daß der Schütze in der Via Fani ein Spezialagent war, »der über eine derartige Fähigkeit verfügte, die man nur durch ständige, quasi tägliche Ausbildung erwirbt«.

Brisantestes Beweisstück der »Gladio«-Regie auf der Via Fani war, daß von den 92 am Tatort sichergestellten Patronenhülsen 39 mit einem Speziallack überzogen waren, mit dem die Munition für NATO-Untergrundeinheiten präpariert wurde, um sie in Erddepots vergraben zu können. Zu den 39 Patronenhülsen fertigte der Luftwaffenoffizier und Waffenexperte Marco Morin ein falsches Gutachten, demzufolge es sich um keine Munition aus NATO- oder überhaupt Beständen bewaffneter Kräfte handelte. Der Untersuchungsrichter Felice Casson stellte 1991 bei seinen Ermittlungen fest, das besagter Morin der »Gladio«-Truppe angehörte und neofaschistische Attentäter aus deren Depots versorgte. Die 39 sichergestellten Patronenhülsen, die im Innenministerium verwahrt wurden, verschwanden 1991 spurlos.

Im Oktober 2007 meldete sich der achtzigjährige Giovanni Galloni, zur Zeit der Ermordung Moros dessen Stellvertreter als DC-Vorsitzender, mit einer Erklärung zu Wort, welche die kommunistische Tageszeitung Liberazione wiedergab. Er bestätigte die Infiltration der »Brigate Rosse«. Sergio Flamigni, Mitglied der Moro-Kommission des Parlaments hatte in seinem Buch »Das Spinnennetz« (Mailand 1993) bereits nachgewiesen, daß »der tatsächliche Chef der Brigate Rosse« ein CIA-Agent Corrado Simioni war. Nach der Liquidierung Moros wurde er an den vatikanischen Geheimdienst Pro Deo ausgeliehen und bei der polnischen Untergrundgewerkschaft Solidarnosc eingesetzt. Nach erfolgreichem Einsatz wurde der Topagent 1992 in Rom vom polnischen Papst Wojtyla empfangen.