Joschka und der „Garten-Edi“
Über 2000 kamen zum Wahlkampf des Außenministers auf den Marktplatz

Grünen-Kandidatin Beate Müller-Gemmeke mit dem Außenminister

 

REUTLINGEN. Mit rhythmischem Klatschen wurde er auf dem Marktplatz empfangen. Nach einer rhetorisch brillanten und frei gehaltenen Rede begleitete ihn der kräftige Beifall von 2000 Besuchern in seinen Wahlkampf-Bus. Rau die Stimme, witzig die Wendungen: Eine Stunde lang entwickelte Außenminister Joschka Fischer grüne Argumente für die „Richtungswahl“ am 22.September.

 

Mehrfach wurde die Ansprache von Beifall unterbrochen. Den einzigen Zwischenruf „Lügner“ eines Mitgliedes der „Reutlinger Friedensgruppe“ parierte er souverän im außenpolitischen Teil seiner Rede. „Ich habe es nicht mehr ausgehalten!“, konterte Fischer den Einwurf. Nach dem Fall von Srebrenica habe er umgedacht und sich wider sein hoch gehaltenes Prinzip „nie wieder Krieg“ für das Eingreifen in Jugoslawien entschieden.

Dafür gab es kräftigen Applaus. Mehr noch, als er den Zusammenhang von Terrorismus und vorbeugender Politik expliziert hatte. Terroristen: „die werden wir niederkämpfen müssen, da müssen wir zusammenhalten mit unseren Partnern!“ Doch sei es anderseits auch „nötig, das Verzweiflungspotenzial abzubauen“.

Im gleichem Atemzug warb Fischer um Verständnis für die USA als unverzichtbaren Partner für „Frieden und Stabilität, warb für das Existenzrecht Israels ebenso wie für einen Palästinenserstaat, um dann Klartext zu reden: Ohne USA werde es dort keinen Frieden geben, weshalb er nichts von Anti-Amerikanismus halte. Wenn aber Freunde, wie aktuell im Falle des Irak, Risiken unter- oder gar falsch einschätzen, sei es in Ordnung, anderer Meinung zu sein und dies offen zu sagen. Auch an dieser Stelle wurde Fischer von starkem Beifall unterbrochen.

Witzig und spritzig hatte er seinen Auftritt mit innenpolitischen Themen eingeleitet, rot-grüne Politik mit schwarz-gelber kontrastiert, um gleich beim Thema „Klimaschutz“ dem politischen Gegner eins auszuwischen. Fehler, die der beim ersten Aufbau Ost gemacht habe, dürften sich nach der Flutkatastrophe nicht wiederholen. „Die Schulden erhöhen und den Kindern aufs Kreuz packen“, komme für die Grünen nicht in Frage.

Der zweite Aufbau Ost in weiten Teilen Sachsens, in Sachsen-Anhalt und Brandenburg sei „hier und heute und nicht morgen zu schultern“. Diesem Plädoyer für die um ein Jahr aufgeschobene Steuerreform ließ Fischer, nun schon leidenschaftlich, Argumente für die „Energiewende“ folgen. Nicht nur, weil es zu spät sei, wenn man den vom Menschen ausgelösten Klimawandel bemerke, und „der Bremsweg sehr lang“: Die von den Grünen eingeleitete...[...weiter]

Text: Bernd Ulrich Steinhilber
Bild: Horst Haas
SCHWÄBISCHES TAGBLATT 07.09.2002
Online Redaktion: Klaus-Peter Eichele

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