SPIEGEL ONLINE - 17. April 2003, 19:01

 
Der Kampf ums Öl beginnt

Von Dominik Baur

In Wahrheit gehe es den USA nur ums Öl, lautete eine der Parolen der Gegner des Irak-Krieges. Nach dem Sturz Saddams zeigt sich - nicht nur US-Konzerne interessieren sich für die Ölquellen. Auch die Kriegsgegner Frankreich und Russland wollen mitspielen, beim Great Game 2003.

Hamburg - Siebenhundert Ölquellen brannten, als die Alliierten 1991 Saddam Hussein aus Kuweit vertrieben hatten. Monate dauerte es, bis Experten die gigantischen Feuer gelöscht hatten. Vor dem zweiten Golfkrieg hatten Militärexperten eine ähnliche Entwicklung im Irak befürchtet. Saddam, so ein Szenario der amerikanischen Militärs, könnte seinen letzten Triumph feiern, indem er den Siegermächten - und seinem eigenen Volk - brennende Ölfelder hinterlassen würde.

Es kam anders: Auch wenn der Irak darniederliegt, die Zahl der Kriegsopfer nur geahnt werden kann und die Infrastruktur des Landes schwer beschädigt ist, so scheinen die Ölquellen den Krieg weitgehend unbeschadet überstanden zu haben. Die amerikanischen und britischen Streitkräfte haben inzwischen alle Ölanlagen unter ihrer Kontrolle. Kleinere Brände hatte es nur vereinzelt gegeben. "Es gibt keine brennenden Ölquellen mehr im Irak", verkündete am Dienstag der amerikanische Brigadegeneral Vincent Brooks.

Dass der Schaden sich diesmal in Grenzen hielt, ist dabei aber offenbar nicht nur den alliierten Militärs zu verdanken, die aus den Erfahrungen von 1991 gelernt hatten und der Sicherung der Ölfelder höchste Priorität eingeräumt haben, sondern auch irakischen Ölarbeitern, die zwar noch die Anweisungen des Saddam-Regimes befolgt und an zahlreichen Ölanlagen Sprengsätze angebracht hatten, aber gleichzeitig die Ventile schlossen, um größeres Unheil zu verhindern.

Schon schauen Ölkonzerne aller Länder begehrlich in Richtung Irak. Das Öl könnte jetzt schließlich wieder ungehindert fließen. Innerhalb von vier Wochen könnten die Anlagen im Norden des Irak nach US-Angaben wieder 800.000 Barrel pro Tag fördern. Im Süden könnte mit der gleichen Menge innerhalb von acht Wochen gerechnet werden.

Könnte. Doch was technisch durchaus möglich ist, dürfte zunächst an der politischen Realität scheitern. Käufer gäbe es genug für das Öl, gesucht wird vielmehr ein Verkäufer. "Das Geld aus irakischem Öl wird Ihnen gehören", versprach US-Präsident George W. Bush den Irakern vergangene Woche in einer im Irak ausgestrahlten Fernsehansprache. Doch wer kann sich angesprochen fühlen? Noch fehlt es an einer legitimierten Regierung im Irak, die sich um den Verkauf des Öls kümmern könnte.

"Wir brauchen Klarheit, was die Amerikaner bezwecken"

Tatsächlich wäre zum gegenwärtigen Zeitpunkt lediglich die Uno legitimiert, irakisches Erdöl zu fördern und zu verkaufen. Denn noch hat die Uno ein Embargo über das Land verhängt. Der Irak darf allenfalls im Rahmen des Programms "Oil for Food" in begrenztem Maße Öl exportieren. Damit die Sanktionen aufgehoben werden können, müssten zunächst die Uno-Waffeninspektoren in den Irak zurückkehren und definitiv bestätigen, dass sich dort keine Massenvernichtungswaffen befinden.

Bush hält solchen Aufwand offenkundig für unnötig. Der US-Präsident argumentiert, der Irak sei doch jetzt befreit, die Sanktionen sollten also schleunigst aufgehoben werden. Dass die zentrale Begründung für den - gegen den Willen der Vereinten Nationen geführten - Irak-Krieg stets die Entwaffnung des Landes war und die Amerikaner bislang jeden glaubhaften Beweis schuldig blieben, dass sich im Irak Massenvernichtungswaffen befinden, ficht Bush offenbar nicht an.

Fraglich also, ob sich die Kriegsgegner im Weltsicherheitsrat, namentlich Russland und Frankreich, der amerikanischen Position anschließen werden. Schon haben sich russische Politiker für einen Fortbestand der Sanktionen ausgesprochen. "Man muss zuerst Klarheit darüber haben, was die Amerikaner bezwecken", sagte heute der Vorsitzende des außenpolitischen Ausschusses der Staatsduma, Dmitri Rogosin.

Frankreich und Russland geht es jedoch in erster Linie um die Wahrung der eigenen Interessen. "Für die internationalen Ölkonzerne bietet der Irak in einer Welt, in der es immer schwieriger wird, neue Ölressourcen zu erschließen, die besten Chancen seit Jahrzehnten", schreibt der "Petroleum Economist". Alle wollen sie daher dabei sein, wenn die Beute verteilt wird - auch die Kriegsgegner. Und sowohl Frankreich als auch Russland wissen: Als Mitglieder der "Koalition der Unwilligen" haben sie beim Great Game 2003 nicht die besten Karten. Im Zweifel dürften Konzerne aus den Siegerländern wie Chevron Texaco und BP, die beide bereits vorsichtig Interesse bekundet haben, als erste zum Zug kommen.

Russland hat auch noch andere Sorgen: Das Land ist einer der größten Erdölexporteure. Überschwemmt nach einer Aufhebung der Sanktionen billiges irakisches Öl den Weltmarkt, so befürchtet man im Kreml, würde ein Preisverfall große Förderprojekte in Sibirien unrentabel machen. Die Produktionskosten für russisches Öl sind deutlich höher als für irakisches. Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac hat zwar grundsätzliche Zustimmung zu einer Aufhebung der Sanktionen signalisiert, will sich jedoch noch nicht auf irgendwelche Details oder gar einen Zeitrahmen einlassen.

Harte Verhandlungen im Weltsicherheitsrat

Sowohl Russen wie auch Franzosen pflegen von alters her ihre Interessen im Irak. Der russische Ölförderer Lukoil etwa oder die französische Total Fina Elf hatten mit Saddams Regime Verträge zur Erschließung der großen Ölfelder West Kurna und Madschnun im Volumen von mehr als 20 Milliarden Dollar abgeschlossen. Vor allem die Russen drängen auf die Gültigkeit der Verträge, zumal der Irak dem Land acht Milliarden Euro schuldet.

Frankreich und Russland werden also darauf bedacht sein, den einzigen Trumpf, den sie derzeit haben, ihren Sitz im Weltsicherheitsrat, nicht leichtfertig zu verspielen. Mit harten Verhandlungen kann dort in den nächsten Tagen und Wochen gerechnet werden. Leidtragender wird in jedem Fall der Irak sein. Jeder Tag, an dem keine Entscheidung fällt und somit auch kein Öl fließt, kostet den Irak 50 Millionen Dollar, rechnet die "Financial Times" vor.