"Kollateral-Sprache", Öffentlichkeit, Politik und Krieg

Ein Interview mit Noam Chomsky*


Im Folgenden dokumentieren wir ein Interview, das David Barsamian** mit Noam Chomsky für das Z Magazine geführt hat.


Barsamian:
‘Kollateralschaden’ - in den letzten Jahren hat das Pentagon, später auch die Medien, den Begriff auf tote Zivilisten übertragen. Wie formt, wie beeinflusst Sprache die Ereignisbewertung im Denken der Leute.


Chomsky:
Die Sache ist so alt wie die Geschichte selbst. Mit Sprache hat das aber wenig zu tun. Sprache ist die Form, in der wir interagieren, kommunizieren. Logisch, dass man die Mittel der Kommunikation - noch wichtiger, den konzeptuellen Hintergrund von Sprache - dazu nutzt, Haltungen und Meinungen zu formen und so Konformität und Unterordnung herzustellen. Kaum überraschend, dass das in eher demokratischen Gesellschaften entstanden ist. Das erste Ministerium für koordinierte Propaganda - Informationsministerium (Ministry of Information) genannt - entstand in Großbritannien, im Ersten Weltkrieg. Seine Aufgabe war es, so wurde das damals ausgedrückt, das Denken der Welt zu kontrollieren. Und besonders wichtig war diesen Leuten, was Amerika dachte - genauer gesagt, die amerikanischen Intellektuellen. Man glaubte, wenn es gelänge, US-Intellektuelle von den edlen britischen Kriegsmotiven zu überzeugen, wären diese Intellektuellen in der Lage, die primär friedliebende US-Bevölkerung, die sich zurecht in keinen europäischen Krieg hineinziehen lassen wollte, in einen Zustand der Hysterie und des Fanatismus zu versetzen, bis diese Bevölkerung sich dem Krieg anschlösse. Großbritannien brauchte die Rückendeckung der USA, daher war die öffentliche Meinung Amerikas u. deren Meinungsführer primär im Fadenkreuz des britischen ‘Informationsministeriums’. Die US-Regierung unter Wilson reagierte, indem sie ihrerseits die erste staatliche Propaganda-Anstalt einrichtete; sie nannte sich ‘Committee on Public Information’. Ein brillanter Erfolg - dank liberaler amerikanischer Intellektueller, Leute aus dem Kreis um John Deweys vor allem. Diese Leute waren stolz - zum erstenmal in der Geschichte, so sahen sie es zumindest, waren es nicht Militärführer u. Politiker, die eine fanatische Kriegsstimmung erzeugten, vielmehr die mehr verantwortungsbewussten u. seriösen Mitglieder der Gesellschaft - allen voran die nachdenklichen Intellektuellen. Tatsächlich stellten diese Leute eine Propaganda-Kampagne auf die Beine, die es binnen weniger Monate schaffte, aus einer relativ friedlichen Bevölkerung tobende anti-deutsche Fanatiker zu machen. Die Leute wollten alles zerstören, was irgendwie Deutsch aussah. Das Ganze ging so weit, dass es dem Boston Symphony Orchestra nicht mehr möglich war, Bach zu spielen. Man trieb das Land in die Hysterie. Zu (US-Präsident) Wilsons Propaganda-Agentur gehörten Leute wie Edward Bernays, der sich zum Guru einer Public-Relations-Industrie entwickelte u. Walter Lippmann, jener führende öffentliche Intellektueller des 20. Jahrhunderts, eine unglaublich respektierte Figur in den Medien. Jene Erfahrungen haben diese Leute zudem nachhaltig beeinflusst. Schaut man sich an, was sie in den 20ger Jahren geschrieben haben, so liest sich das so: Wir haben gelernt, dass die öffentliche Meinung etwas ist, was man kontrollieren kann, man kann Haltungen und Meinungen kontrollieren. Dazu Lippmann: “Durch das Mittel der Propaganda schaffen wir es, Konsens zu erzeugen”. Und Bernays: “Die intelligenteren Mitglieder der Gesellschaft können die Bevölkerung zu allem bringen, was sie wollen” - Mithilfe “der technischen Erzeugung von Konsens”, wie es Bernays ausdrückte. “Das ist die Essenz der Demokratie”, so Bernays. Das Ganze führte zudem zum Aufstieg der Public-Relations-Industrie. Sehr interessant, sich anzusehen, wie die Leute in den 20ger Jahren dachten, als alles seinen Anfang nahm. Industriell gesehen war es die Zeit des ‘Taylorismus’; man wollte die Arbeiter dazu bringen, sich wie Roboter zu verhalten; jede ihrer Bewegungen wurde kontrolliert. So kam eine hocheffiziente Industrie zustande, die Menschen zu Automaten machte. Auch die Bolschewisten ließen sich davon beeindrucken und versuchten, die Sache zu imitieren. Sie fand überall in der Welt Nachahmer. Den Experten für Denkkontrolle war bewusst, es ist nicht nur möglich, Kontrolle am Arbeitsplatz zu erzeugen sondern auch außerhalb der Arbeit (‘on-job control’ und ‘off-job control’ lauteten deren Begriffe). Außerhalb der Arbeit kontrolliert man Menschen am besten, indem man eine Philosophie der Nutzlosigkeit schafft. Die Leute sollen sich den oberflächlichen Dingen des Lebens zuwenden, dem modischen Konsum und - und ganz wichtig, sie müssen ferngehalten werden. Die Leute, die die Show schmeißen, wollen auf keinen Fall, dass die Masse der Bevölkerung sich einmischt, die hat nichts verloren in der öffentlichen Arena. Riesige Industrien haben sich daraus entwickelt - von der Werbung bis zu den Universitäten - alles Einrichtungen, die sehr bewusst dem Konzept verpflichtet sind, dass man die Haltungen, die Meinungen, der Leute kontrollieren muss - sonst ist das Volk einfach zu gefährlich. Besonders fällt auf, dass sich das alles ausgerechnet in eher demokratischen Gesellschaften entwickelt hat. Imititiert wurde es in Deutschland und im bolschewistischen Russland, in Südafrika, usw.. Dabei war und blieb es aber explizit ein sehr amerika-typisches Modell - und dafür gibt es einen guten Grund: Kontrolliert man Menschen mittels Gewalt, ist es nicht so wichtig, was sie denken oder fühlen, hat man allerdings keine Möglichkeit zur Kontrolle der Leute mittels Gewalt, ist es umso wichtiger, deren Haltungen und Meinungen zu kontrollieren.

Womit wir bei der Gegenwart wären. Inzwischen ist die Öffentlichkeit nicht mehr bereit, Staatspropaganda-Agenturen zu akzeptieren. Das Reagan ‘Office for Public Diplomacy’ wurde für illegal erklärt. Es konnte nur noch indirekt agieren. Abgelöst wurde das Ganze durch Privat-Tyranneien, hauptsächlich Konzern-Systeme. Diese Tyranneien sind in die Fußstapfen des Kontrolleurs der Meinungen und Positionen getreten. Sie nehmen von der Regierung zwar keine Befehle entgegen, sind mit ihr aber natürlich eng verwoben. So funktioniert unser heutiges System - ein sehr selbstbewusstes System. Man braucht nicht erst zu spekulieren, was diese Leute tun. Sie sind so freundlich und informieren uns ganz offen darüber - in Industrie-Publikationen, aber auch in akademischen Publikationen.

Wenden wir uns den 30er Jahren beziehungsweise dem Vater eines nicht ganz unwesentlichen Teils unserer modernen Politikwisschenschaft zu: Harold Lasswell. Lasswell war liberaler Wilsonianer, als er 1933 einen Artikel für die ‘Encyclopedia of Social Science’ verfasste, ein damals wichtiges Publikationsorgan. Titel: ‘Propaganda’. Lasswells Botschaft lautete (Zitat): “Wir sollten nicht dem demokratischen Dogmatismus verfallen, dass Menschen die besten Richter sind, wenn es um ihre eigenen Interessen geht”. Sie sind es nicht, (meint Lasswell) - vielmehr wir. Und da die Leute nunmal zu dumm und ignorant seien, zu begreifen, was in ihrem eigenen Interesse sei, müssten wir - die großen Menschenfreunde - sie zu ihrem eigenen Besten marginalisieren und kontrollieren. Das beste Mittel hierzu sei Propaganda. Laut Lasswell hat Propaganda nichts Negatives an sich. Sie sei in etwa so neutral wie ein Pumpenstiel. Man könne sie zu guten wie bösen Zwecken nutzen. Aber wir sind ja tolle, edle Menschen, wir werden natürlich nur gute Zwecke damit befördern, das heißt, sicherstellen, dass die dummen, ignoranten Massen weiterhin marginalisiert sind und keinen Zugang zu irgendwelchen Entscheidungs-Prozessen haben. Die leninistische Dokrin besagt mehr oder weniger dasselbe. Die Ähnlichkeiten sind frappierend. Aber auch die Nazis griffen die Sache auf - siehe ‘Mein Kampf’. Darin zeigt sich Hitler äußerst beeindruckt von der britisch-amerikanischen Propaganda. Seiner Ansicht nach hat sie mit über den Sieg im Ersten Weltkrieg entschieden - womit er nicht ganz unrecht hat -, und Hitler schwört, die Deutschen würden das nächstemal bereit sein. Sie würden ihre eigenen Propaganda-Systeme entwickeln - auf Grundlage der demokratischen Modelle. Auch die Russen versuchten es. Der Versuch fiel allerdings zu grobschlächtig aus, um erfolgreich zu sein. Südafrika hat es versucht und weitere Länder - bis in die Gegenwart hinein. Aber an erster Stelle steht nunmal Amerika, als freieste und demokratischste Gesellschaft - umso wichtiger demnach, die Haltungen und Meinungen unter Kontrolle zu bringen. Sie können es in der New York Times nachlesen - ein aufschlussreicher Artikel über Carl Rove, den Manager des Präsidenten Bush. Rove ist sozusagen sein Betreuer und bringt ihm bei, was er tun u. sagen soll. Der Artikel beschreibt, womit Carl Rove derzeit beschäftigt ist. In die Kriegsplanungen war Rove nicht direkt einbezogen - auch Bush nicht. Damit waren andere betraut. Rove sagt, seine Aufgabe bestehe (jetzt) darin, den Präsidenten als mächtigen Kriegsherren zu präsentieren - die nächste Präsidentschaftswahl schon vor Augen - damit die Republikaner ihre innenpolitischen Gesetzesvorhaben durchdrücken können. Darauf konzentriert sich Rove, Steuerkürzungen - man behauptet, sie nützten der ‘Wirtschaft’, aber gemeint sind die Reichen. Neben Steuerkürzungen auch andere Programme, die Rove nicht näher bezeichnen mag. Sicher erfüllen auch diese Programme die Funktion, einem extrem kleinen Kreis Ultrareicher und Privilegierter zugutezukommen u. haben den Effekt, der Masse der Bevölkerung zu schaden. Noch entscheidender, was nicht im Artikel steht: Man plant, die institutionelle Grundlage des Systems der sozialen Unterstützung zu vernichten - Schulen, soziale Sicherheit, usw.; alles, was auf dem Konzept fußt, dass Menschen sich umeinander zu kümmern haben, soll eliminiert werden. Dieses schreckliche Denken muss den Menschen ausgetrieben werden. Die Idee des Mitleids, der Solidarität soll aus den Köpfen der Menschen verschwinden. Die Leute sollen sich nicht mehr dafür interessieren, wie es der behinderten Witwe in der Nachbarschaft geht, ob sie genug zu essen hat oder nicht.

Zum Irak-Krieg: wie die amerikanische Öffentlichkeit über den Krieg denkt und der Rest der Welt, unterscheidet sich gravierend. Ist Ihrer Meinung nach Propaganda dafür verantwortlich?

Gar keine Frage. Die Irak-Kampagne startete letzten September. Das ist eine so offensichtliche Tatsache, dass sogar Mainstream-Publikationen darüber schreiben. Martin Sieff, der Chef-Politanalyst von UPI (United Press International), beschreibt es in einem sehr langen Artikel. September fiel ganz zufällig mit der Eröffnung des Wahlkampfs für die Zwischenwahlen im US-Kongress zusammen. Und genau zu jenem Zeitpunkt setzten die Trommeln der Kriegspropaganda ein. Es waren immer dieselben Punkte. Eine der großen Lügen bestand darin zu behaupten, der Irak stelle eine drohende Gefahr für die Sicherheit der USA dar. Wenn wir sie jetzt nicht stoppen, werden sie uns später zerstören, hieß es. Die zweite große Lüge war, der Irak stecke hinter dem 11. September. So direkt wurde das zwar nie gesagt, aber man suggerierte es. Man braucht sich doch nur die Umfragen anzuschauen. Sie reflektieren die Propaganda auf sehr direkte Weise. Propaganda wird durch die Medien verbreitet. Medien erfinden jedoch keine Propaganda, sie verbreiten sie nur. Sie geht zurück auf hohe Regierungsmitglieder, auf wen auch immer. Jedenfalls hat sich diese (Kriegs-)Kampagne sehr rasch in Umfrageergebnissen niedergeschlagen. Im September (2002) bzw. seither glaubten/glauben rund 60 Prozent der US-Bevölkerung, darauf pendelt es sich in etwa ein, der Irak stelle eine Bedrohung unserer Sicherheit dar. In seiner Deklaration vom Oktober (2002), mit der er den Präsidenten zur Gewaltanwendung authorisierte, erklärte der US- Kongress, der Irak stelle eine Bedrohung für die Sicherheit der USA dar. Und was die Verantwortung des Irak für den 11. September angeht: Inzwischen glaubt die Hälfte unserer Bevölkerung, vielleicht sogar mehr, der Irak trage die Schuld, Iraker hätten in den Flugzeugen gesessen, planten jetzt neue Anschläge.

Es gibt niemanden weltweit, der irgendetwas davon glaubt. Kein Land der Welt hält den Irak für eine Bedrohung seiner Sicherheit. Selbst Kuwait und Iran, Länder, in die der Irak einst einmarschierte, halten (hielten) ihn für kein Sicherheitsrisiko mehr. Der Irak ist das schwächste Land in der Region. Als Folge der Sanktionen - Hunderttausende fielen ihnen zum Opfer, und wohl etwa 2/3 der Bevölkerung leben am Rande des Hungertods -, sind Wirtschaft und Armee des Irak die geschwächstetsten in der ganzen Region. Die Wirtschafts- und Militärausgaben des Irak machen etwa 1/3 der kuwaitischen aus. Kuwaits Bevölkerung beträgt jedoch nur 10 Prozent der irakischen. Die Ausgaben (des Irak) liegen weit unter denen anderer Länder. (Jeder in der Region weiß natürlich, es gibt eine Supermacht in der Region - eine Militärbasis, eine Exklave der USA: Israel, mit seinen hunderten Nuklearwaffen und seiner massiven Armee, beherrscht alles total.)

Nur in den USA glaubt man noch an all diese Dinge, hat man Angst. Der Glaube an diese Dinge wächst proportional zur Propaganda, das kann man nachverfolgen. Interessant, weshalb gerade die USA so anfällig sind. Vor allem der Hintergrund, der kulturelle Hintergrund, scheint dabei interessant zu sein. Aber welche Gründe auch immer, im Vergleich bleiben die USA ein sehr schreckhaftes Land. Bei uns wird sich vor so ziemlich allem gefürchtet: Kriminalität, Aliens, was Sie wollen, man fürchtet sich in unverhältnismäßiger Weise. Natürlich kann man darüber diskutieren und Ursachenforschung betreiben, aber der Hintergrund bleibt unbestritten.

Barsamian: Aber was macht sie (die USA) so anfällig für Propaganda?

Gute Frage. Ich sage nicht, die Propaganda-Anfälligkeit sei größer. Es ist eher die größere Angstanfälligkeit. Unser Land ist ängstlich. Die Gründe dafür kenne ich ehrlich gesagt auch nicht genau. Tatsache ist, sie existieren, und sie hängen mit Amerikas Geschichte zusammen. Es hängt wohl mit der Eroberung des Kontinents zusammen, mit der Exterminierung der Eingeborenen-Bevölkerung und mit der Sklaverei, die es nötig machte, eine Gruppe der Bevölkerung, die man für gefährlich hielt, von der man nie wusste, wann sie sich gegen einen wenden würde, zu kontrollieren. Unsere enorme ‘Security’ spiegelt das anscheinend wider. Das Sicherheitsbedürfnis der USA ist unvergleichlich. Die USA kontrollieren unsere Hemissphäre, sie kontrollieren beide Ozeane und das, was an deren Ende liegt - ohne bedroht zu sein. Das letzte Mal wurden die USA im Krieg anno 1812 bedroht. Seither erobert man nur noch andere. Daraus hat sich wohl ein Gefühl der Verfolgung entwickelt; irgendwer wird schon hinter uns her sein. So entstand ein sehr verschrecktes Land. Logisch, warum Carl Rove (siehe oben) der wichtigste Mann in der (Bush-)Regierung ist. Er ist der Public-Relations-Experte, der Mann, der verantwortlich zeichnet für das zu kreierende Image. Auf die Weise schafft man es, seine innenpolitischen Ziele durchzupeitschen, seine Außenpolitik, man versetzt die Menschen in Angst und Schrecken und gibt ihnen gleichzeitig das Gefühl, ihr starker Führer werde sie schon noch rechtzeitig vor der drohenden Zerstörung retten. Die Times verrät es de facto, es ist auch schwer zu verhehlen. Es ist zur zweiten Natur geworden.

‘Eingebettete Journalisten’ - auch eine dieser neuen lexikalischen Konstruktionen. Können Sie das kommentieren?

Ein sehr interessantes Beispiel. Interessant vor allem, dass Journalisten das akzeptieren. Kein ehrlicher Journalist, keine ehrliche Journalistin, kann sich doch ernsthaft als “eingebettet” bezeichnen. Wer sagt, “ich bin ein eingebetteter Journalist”, könnte genausogut sagen, “ich bin Regierungs-Propagandist”. Nichtsdestotrotz, sie akzeptieren es. Es hilft wohl dabei, den Leuten die Vorstellung zu implantieren, alles was wir tun, ist richtig und gerecht. Wer in einer amerikanischen Einheit “eingebettet” ist, ist objektiv. Das gleiche Phänomen - in gewisser Weise noch dramatischer - zeigt sich im Fall Peter Arnett. Peter Arnett ist ja ein erfahrener, respektierter Journalist, dem wir viel verdanken. Genau aus dem Grund hasst man ihn bei uns. Aus demselben Grund wird übrigens auch Robert Fisk* gehasst.

Fisk ist Engländer, Arnett kommt ursprünglich aus Neuseeland.

Fisk ist der bei weitem erfahrendste und respektierteste Journalist in Sachen Naher/Mittlerer Osten. Fisk hält sich praktisch schon ewig dort auf, seine Arbeit ist exzellent, er kennt die Region, ein fabelhafter Reporter. Aber hier wird er verachtet, Sie bekommen sogut wie nichts von ihm zu lesen. Und wenn sein Name fällt, dann nur, weil man über ihn herfällt. Der Grund: er ist einfach zu unabhängig. Er spielt nicht mit bei den eingebetteten Journalisten. Man verurteilt Peter Arnett, weil er ein Interview im irakischen Fernsehen gab. Hat man je irgendeinen verurteilt, weil er eines im amerikanischen gab? Nein, das ist völlig in Ordnung.

Dem Angriff auf Afghanistan im Oktober 2001 verdanken wir mehrere interessante Begriffe - Sie haben sie bereits kommentiert. Der eine ‘Operation dauerhafte Freiheit’, der andere ‘ungesetzliche Kämpfer’. Wirklich eine Innovation für die internationale Jurisprudenz.

Eine Innovation seit der Nachkriegszeit. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde ein relativ neuartiges Rahmenwerk für das internationale Recht entwickelt, dazu zählen auch die Genfer Konventionen. Das Konzept ‘feindliche Kämpfer’, wie hier verwendet, ist damit nicht vereinbar. Es gibt nur ‘Kriegsgefangene’, eine aktuellere Kategorie existiert nicht. Im Endeffekt handelt es sich hier um eine sehr alte Kategorie - eine Vorkriegs-Kategorie (vor dem Zweiten Weltkrieg), damals konnte man sich ja noch so ziemlich alles erlauben. Mit den Genfer Konventionen - mit denen die Verbrechen der Nazis formal kriminalisiert wurden -, hat sich das geändert. Kriegsgefangene genießen seither einen Sonderstatus. Die Bush- Regierung, kooperativ unterstützt durch Medien und Gerichte, dreht quasi die Uhr zurück bis zur Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, als es bezüglich des Umgangs mit Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit noch kein wirkliches internationales Gesetzes-Rahmenwerk gab. Die Bush- Administration erklärt also nicht nur den Aggressionskrieg, sie erklärt zudem die Menschen, die sie bombardiert und gefangennimmt, zu einer neuen - rechtlosen - Kategorie. Und sie gehen noch viel weiter. Inzwischen nimmt die Regierung selbst hierzuland das Recht für sich in Anspruch, Leute, darunter amerikanische Staatsbürger, auf unbestimmte Zeit in Haft zu nehmen, ohne dass Anwälte oder Angehörige Zugang zu ihnen hätten. Sie nimmt das Recht in Anspurch, diese Leute ohne Anklage festzuhalten, bis der Präsident beschließt, der Krieg gegen den Terror, oder wie er das nennt, sei zu Ende. Ein unerhörter Vorgang. Und bis zu einem bestimmten Punkt akzeptieren ihn selbst die Gerichte. Sie gehen sogar noch über das neue, von manchen ‘PATRIOT 2 Act' genannte Gesetz hinaus - bis jetzt ist es noch nicht ratifiziert. Derzeit durchläuft es das Justizministerium, aber einiges ist schon nach draußen gesickert. Es existieren schon einige Presseartikel von Rechtsprofessoren und anderen zum Thema. Einfach unglaublich. Man will sich das Recht herausnehmen, jemandem die Staatsbürgerschaft, dieses fundamentale Recht, abzuerkennen, nur, weil der Oberste Staatsanwalt es so will. Beweise braucht man nicht. Es genügt, dass man annimmt, eine Person ist in Aktivitäten verwickelt, die den USA schaden könnten. Etwas Vergleichbares findet sich nur in totalitären Staaten. Dann die Sache mit den feindlichen Kämpfern. Wie mit Menschen umgesprungen wird - das, was in Guantanamo vor sich geht, stellt einen groben Verstoß gegen elementarste Menschenrechtsprinzipien dar, wie es sie seit Ende des Zweiten Weltkriegs gibt, also seit der Zeit, als man diese Verbrechen - als Reaktion auf die Nazis - formal kriminalisierte.

Wie sehen Sie das: Am 31. März wurde der britische Premier Tony Blair auf ‘Nightline’ mit den Worten zitiert: “Das ist keine Invasion”?

Tony Blair ist ein guter Propagandist im Sinne der USA. Er kann sich gut artikulieren, seine Sätze passen zusammen, und offensichtlich gefällt den Leuten sein Anblick. Blair positioniert sich so, wie Großbritannien sich - selbstbewusst - seit Ende des Zweiten Weltkriegs sieht. Während des Zweiten Weltkriegs hatte Großbritannien etwas entdeckt, was eigentlich offensichtlich war - viele interne Dokumente belegen das: Großbritannien war einst die Macht, die die Welt beherrschte, jetzt aber nicht länger - nicht nach dem Zweiten Weltkrieg. Jetzt waren die USA an der Reihe. England musste sich entscheiden, ob es künftig ein Land wie jedes andere sein wollte oder Juniorpartner (so nannten sie das) an der Seite der USA. England hat sich für letztere Rolle entschieden. Immer wieder werden die Briten seither getreten und nach Kräften gedemütigt. Sie stecken es ruhig und gelassen weg und sagen sich: “Okay, wir werden Juniorpartner. Wir werden in diese sogenannte Koalition unsere jahrhundertelangen Erfahrungen mit Ermordung und Misshandlung fremder Völker einbringen. Darin sind wir gut”. So ist die Rolle der Briten - verabscheuungswürdig.

Wenn Sie sich öffentlich zu Wort melden, kommt stets die Frage: “Aber was kann ich tun?” Ist das typisch für das amerikanische Publikum?

Chomsky: Sie haben Recht. Sowas hört man nur vom amerikanischen Publikum - nie von Leuten aus der ‘Dritten Welt’.

Weshalb?

Gehen Sie in die Türkei oder nach Kolumbien oder Brasilien oder in andere Länder, die Leute werden Sie nie fragen: “Was soll ich tun?” Stattdessen werden sie Ihnen erzählen, was sie selbst machen. Nur in extrem privilegierten Kulturen fragen die Leute: “Was soll ich tun?” Uns stehen doch alle Möglichkeiten offen. Wir haben nicht mit Problemen zu kämpfen wie ein türkischer Intellektueller oder ein Campesino in Brasilien, usw.. Uns steht alles offen. Aber was man den Leuten bei uns beibringt, ist zu glauben, was man anpackt, müsse leichtfallen und zum schnellen Erfolg führen. Und dann fahren wir fort mit unserem ganz normalen Leben. Aber so geht das nicht. Wenn wir etwas tun wollen, müssen wir uns dahinterklemmen, uns Tag für Tag engagieren. Wir wissen doch ganz genau, um was es geht: Organisierung, Aktivismus, Aufklärungs-Programme. So verändert man die Dinge. Sie suchen eine Art Zauberstab, damit Sie sich morgen schon wieder bequem vor den Fernseher hocken können? Tut mir leid, den gibt es nicht.

Schon in den 60ger Jahren waren Sie aktiv, einer der ersten Dissidenten, als es gegen die Intervention der USA in Indochina ging. Sie kennen die damalige Perspektive, wie es damals ablief, aber auch die heutige. Können Sie uns beschreiben, wie sich der Widerstand in den USA entwickelt hat?

In der New York Times las ich einen Artikel, in dem stand, inzwischen seien die Professoren die Anti-Kriegs-Aktivisten, nicht mehr die Studenten. Früher seien die Studenten die Anti-Kriegs-Aktivisten gewesen. Wovon die Reporterin spricht: So gegen 1970, ja, so etwa 1970, haben Studenten aktiv gegen den Krieg protestiert. Aber damals dauerte der Krieg der USA gegen Südvietnam - inzwischen hatte er sich auf ganz Indochina ausgedehnt -, schon ganze 8 Jahre. Die Gegend war praktisch dem Erdboden gleichgemacht. In den ersten Kriegsjahren - die Kriegserklärung erfolgte im Jahr 1962 - bombardierten US-Flugzeuge Südvietnam. Napalm wurde authorisiert, chemische Kriegsführung zur Zerstörung der Feldfrüchte sowie Programme, mit denen man Millionen von Menschen in sogenannte “strategische Dörfer” trieb - de facto waren es Konzentrationslager. Das alles lief öffentlich ab - ohne Proteste. Man fand keinen, der sich dazu hätte äußern wollen. Jahrelang war es selbst in so liberalen Städten wie Boston unmöglich, öffentliche Veranstaltungen gegen den Krieg abzuhalten. Sie wurden sofort von Studenten - mit Unterstützung der Medien - aufgemischt. Die Sprecher mussten von hunderten Staatspolizisten geschützt werden, um ungeschoren davonzukommen - wie ich damals. Proteste entstanden erst nach vielen Jahren des Kriegs. Da waren schon hunderttausende von Menschen getötet und ein Großteil Vietnams zerstört. Erst dann fingen die Proteste an. All dies wurde aber aus der Geschichte bereinigt: zu hoher Wahrheitsgehalt. Viele Jahre harter Arbeit durch viele Menschen waren nötig - harte Arbeit durch vorwiegend junge Leute - bis endlich eine Protest-Bewegung entstand. Heute sind wir viel, viel weiter. Die Reporterin der New York Times begreift das nicht. Ich halte sie aber für absolut ehrlich. Meiner Meinung nach sagt sie genau das, was man ihr beigebracht hat: damals hätte es eine riesen Friedensbewegung gegen den Krieg gegeben. Geschichte, wie sie wirklich war, soll aus dem Gedächtnis der Leute getilgt werden. Sie sollen nicht lernen, dass zähe, engagierte Arbeit entscheidend zur Änderung des Bewusstseins, zu einem besseren Begreifen, beitragen kann. Wäre zu gefährlich, den Leuten dieses Denken zu erlauben.

i>Übersetzt von: Andrea Noll

Orginalartikel: "Collateral Language"
http://www.zmag.de/article/article.php?print=true&id=754

* Noam Chomsky ist Professor am Department für Linguistik und Philosophie des MIT (Massachusetts Institute of Technology). Chomsky ist Autor zahlreicher Bücher. Zu den neuesten zählen: ‘Power and Terror and Middle East Illusions’ ( ‘Offene Wunde Nahost’). Sein Buch ‘9-11' (‘The Attack - Hintergründe und Folgen’) wurde zum internationalen Bestseller.

** David Barsamian ist Gründer und Direktor von ‘Alternative Radio’. Er ist Autor von ‘Decline & Fall of Public Broadcasting’ u. zahlreichen weiteren Büchern (‘Propaganda & Public Mind’ (mit Noam Chomsky), ‘Confronting Empire’ (mit Eqbal Ahmad) u. ‘Cluture & Resistance (mit Edward Said)). Regelmäßige Beiträge von ihm erscheinen in ‘Z Magazine’, ‘Progressive’ usw.


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AG Friedensforschung an der Universität Kassel, Peter Strutynski, Nora-Platiel-Str. 5, 34109 Kassel, eMail: strutype@uni-kassel.de

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