Zbigniew Brzezinski war unter Präsident Carter Sicherheitsberater des Präsidenten und maßgebend an wichtigen Entscheidungen beteiligt. So z.B. als es um die Besetzung der USA-Botschaft im Iran nach dem Sturz des Schahs ging, um die Unterstützung von Sadam Hussein im Krieg gegen den Iran usw.

Zbigniew Brzezinski ist polnischer Herkunft und griff auch mit ein als es um die Unterstützung der antikommunistischen Bewegung in Polen 1980/81 ging.

Zbigniew Brzezinski gilt als Hardliner und extremer Antikommunist.

Brzezinski und die Amerikanisierung Europas

 

Vortrag in Salzburg, 24.10. 2000

 

Dipl. Ing. Agr. et Dipl. Psych. Diethelm Raff

Sehr geehrte Damen und Herren

Warum gibt es in Europa wieder Krieg wie im Kosovo, nachdem jahrzehntelang darum gerungen worden ist, dieses Übel zu verbannen und die sogenannte Blockkonfrontation zwischen Ost und West aufgegeben worden ist? Warum müssen die Völker Europas in ein despotisches Machtgebilde, die EU, gezwungen werden? Und warum in diesem rasanten Tempo? Warum führt man in Europa keine freie Diskussion mit den Staatsbürgern über den Sinn des neuen und undemokratischen Machtkolosses Europäische Union?

Die folgenden Ausführungen sollen Ihnen Anregung geben, diese Fragen zu beantworten. Sie sollen beitragen zu erkennen, wie man sich heute als demokratisch gesinnter Mensch für Freiheit und Würde einsetzen kann.

Der einflussreiche Berater Zbigniew Brzezinski gibt auf die gestellten Fragen in seinem Buch ``Die einzige Weltmacht. Amerikas Strategie der Vorherrschaft`` (Englisch: The Grand Chessboard. American Primacy and ist geostrategic Imperatives) Antworten aus der Sicht von Herrschern in den USA, zumindest im Umfeld der demokratischen Partei. Wir möchte darauf hinweisen, dass wir mit unseren Ausführungen nicht die Amerikaner als Ganzes meinen, sondern die Strategen und freuen uns, dass es Menschen in den USA wie überall auf der Welt gibt, die nicht Vorherrschaft suchen, sondern Freiheit und Menschenwürde für jeden Menschen und Selbstbestimmung für die Völker.

Schon der Titel des Buches zeigt, dass Brzezinski der Frage nachgeht, wie die USA ihre Vorherrschaft, ihre Hegemonie, über die ganze Welt erhalten und ausbauen können. In der Einleitung schreibt Brzezinski: ''Inwieweit die USA ihre globale Vormachtstellung geltend machen können, hängt davon ab, wie ein weltweit engagiertes Amerika mit den komplexen Machtverhältnissen auf dem eurasischen Kontinent fertig wird - und ob es dort das Aufkommen einer dominierenden, gegnerischen Macht verhindern kann.`` (S. 15) Die USA sollen in die Lage versetzt werden, politischer Schiedsrichter auf der ganzen Welt zu sein. Um die verschiedenen Länder und Völker auf dem geostrategischen Schachbrett unter Kontrolle halten zu können, soll Amerika eine ''Hegemonie neuen Typs`` (S. 26ff) entwickeln. Im Gegensatz zu jeder modernen demokratischen Gesinnung teilt Brzezinski die Staaten, auch die demokratisch gesinnten, in eine Hierarchie von Vasallenstaaten, die militärisch von den USA abhängig bleiben müssen, von tributpflichtige Provinzen, die man fügsam halten muss, Protektoraten und Kolonien sowie Barbaren, die man an einem Zusammenschluss hindern muss (S. 26, S. 65/66).

Wie beim imperialistischen Gehabe früherer Grossmächte ist laut Brzezinski auch für die USA die militärische Überlegenheit entscheidend, die vor allem der Fähigkeit entspringt, wirtschaftliche und technologische Ressourcen direkt für militärische Zwecke einzusetzen. Zweitens müssen die USA für ihre Herrschaftsausübung laut Brzezinski ein Weltwirtschaftssystem zur Verfügung haben, das der ''rücksichtsloseren`` (S. 48), amerikanischen Dynamik unterliegt und das Gefühl der Überlegenheit der amerikanischen Elite bestätigt. Denn dieses Überlegenheitsgefühl ist für die Beherrschung anderer Völker von grösster Bedeutung. Denken wir daran, wie amerikanische Beraterfirmen in den letzten Jahren die europäische Industrie reorganisiert haben und dabei den amerikanischen Führungsstil durchgesetzt haben. Drittens muss die Wissenschaft und Technik gegenüber den Untertanenländern voraus sein. Dabei profitiert die USA davon, dass die wissenschaftlichen Eliten oft in die USA gezogen werden, ja geradezu ein Programm besteht, sie dorthin zu ziehen. Viertens muss auf der ganzen Welt der sogenannte ''american way of life`` als überlegen angesehen werden und jeder muss das Gefühl haben, er wolle ein Amerikaner sein. "Da der american way of life in aller Welt mehr und mehr Nachahmer findet, entsteht ein idealer Rahmen für die Ausübung der indirekten und scheinbar konsensbestimmten Hegemonie der Vereinigten Staaten.`` (S. 48) Fünftens spricht Brzezinski davon, dass die Amerikaner die Welt mit einer überlegenen Organisation beherrschen können müssen. " Die globale Vorherrschaft Amerikas wird solchermassen von Bündnissen und Koalitionen untermauert, das buchstäblich die ganze Welt umspannen.`` (S. 48)Und man sollte sich merken, welche Organisationen Brezezinski als Teile des amerikanischen Systems bezeichnet: die NATO und die Partnerschaft für den Frieden, IWF, Weltbank und die WTO sowie regionale Wirtschaftskooperationen wie die asiatisch-pazifische Wirtschaftskooperation, APEC, aber auch der vom Milliardär George Soros finanzierte Internationale Gerichtshof werden von den USA dominiert. Sie sollen ausdrücklich das Ungleichgewicht an Macht und Einfluss verdecken (vgl. S. 26ff, S. 44, S. 48ff). Wer meint, es handle sich bei diesen Organisationen um ein freies Zusammenwirken gleichberechtigter demokratischer Staaten muss sich von Brzezsinksi eines Besseren belehren lassen: ``Amerika steht im Mittelpunkt eines ineinandergreifenden Universums, in dem Macht durch dauerndes Verhandeln, im Dialog, durch Diffusion und in dem Streben nach offiziellem Konsens ausgeübt wird, selbst wenn diese Macht letztlich von einer einzigen Quelle, nämlich Washington D.C., ausgeht. Das ist der Ort, wo sich der Machtpoker abspielt, und zwar nach amerikanischen Regeln.`` (S. 49/50).

Im Gegensatz zu früheren Zentralmächten stützt die USA gemäss Brzezinski ihre Macht stärker auf die Methode der Einbindung in die amerikanische Machtsphäre ab wie im Fall Deutschland oder Japan, das Brzezinski als amerikanisches Protektorat bezeichnet (S. 45, S. 49) ''Tatsache ist schlicht und einfach, dass Westeuropa und zunehmend auch Mitteleuropa ein amerikanisches Protektorat bleiben, dessen alliierte Staaten an Vasallen und Tributpflichtige von einst erinnern.`` (S. 92)

Darüberhinaus versuchen die USA die abhängigen Eliten anderer Länder indirekt zu beeinflussen und wollen gezielt ganze Völker beherrschen, indem sie deren Kommunikationssysteme, die Unterhaltungsindustrie und die Massenkultur unter Kontrolle halten (S. 45f). Brzezinski spricht vom Internet, den Hollywood-Filmen, von der Musik von Rock bis Techno, von der Gegenkulturbewegung, der Pop-Kunst, ebenso von der fast-food-Versorgung, von der Mode und von der Durchsetzung der Sprache mit Anglizismen. Das alles soll zu einer magnetischen Anziehungskraft führen, womit die Hegemonie der USA leicht aufrechterhalten werden kann.

``Für Menschen aller Länder, auch von den USA, die die Welt nicht nur als Schachbrett für Machteliten ansehen wollen, stellt sich die Frage, wie man diesem imperialistischen Streben entgegentreten kann: Wenn man Brzezinksi ernst nimmt, gehören dazu verschiedene Ziele die anzustreben sind: Ein weniger rücksichtslos gestaltetes Wirtschaftssystem, in dem nicht der freie Handel grosser Konzerne den Mittelstand schluckt und die Volkswirtschaften zerstört, die eigenständige kulturelle Entwicklung und der Rückgriff auf Traditionen, die der menschlichen Natur entsprechen, die Ablehnung der Einbindung in militärische Bündnisse wie die NATO, der Schutz technologischer Innovationen vor dem Zugriff der grossen Konzerne und die Ablehnung anderer Bündnisse wie die EU.

Europa spielt in der Beherrschung der Welt aus Sicht von Brzezinski eine bedeutende Rolle. Den USA soll es darum gehen zu verhindern, dass in Eurasien eine Macht entstehen kann, die die Vorrangstellung der USA in Frage stellen könnte, ja nicht einmal die Schiedsrichterrolle der USA darf aufhören. (S. 283) Wie geschieht das? Brzezinski schreibt: ``Das erfordert ein hohes Mass an Taktieren und Manipulieren`` (S. 283). Die europäischen Staaten sollen für die USA den Brückenkopf darstellen, um ganz Eurasien unter Kontrolle zu halten. ''Vor allen Dingen aber ist Europa Amerikas unverzichtbarer geopolitischer Brückenkopf auf dem eurasischen Kontinent`` (S. 91). Dazu müssen die europäischen Staaten nach und nach in die NATO und in die EU eingegliedert werden. Nach der Einbindung von Ungarn, Tschechien und Polen quotedblbase''dürfte jede weitere Ausdehnung des Bündnisses entweder mit einer Erweiterung der Eu zusammenfallen oder einer solchen folgen.`` (S. 124) Diese Erweiterung muss mit aller Macht durchgesetzt werden, weil sonst die amerikanische Führungsrolle in Frage gestellt sei (S. 121). Das Interesse der USA an dieser Erweiterung ist so gross, weil dann die europäischen Völker in ihrer Verschiedenheit zentral regiert werden und über die NATO dem Einfluss der USA unterstellt sind. "Die Nato bietet nicht nur den institutionellen Rahmen für die Ausübung amerikanischen Einflusses auf europäische Angelegenheiten, sondern auch die Grundlage für die politisch entscheidende Militärpräsenz der USA in Westeuropa`` (S. 79). Die Ausweitung der Nato dient vor allem der Herrschaftssicherung der USA auf der Welt. "Sollte die von den Vereinigten Staaten in die Wege geleitete NATO-Erweiterung ins Stocken geraten, wäre das das Ende einer umfassenden amerikanischen Politik für ganz Eurasien. Ein solches Scheitern würde die amerikanische Führungsrolle diskreditieren, es würde den Plan eines expandierenden Europa zunichte machen "(S. 129) Damit wird deutlich, dass die EU für die USA ein Mittel ist, die europäischen Länder für ihre Beherrschung von Asien zu insturmentalisieren. Ëin grösseres Europa wird den Einflussbereich Amerikas erweitern - und mit der Aufnahme neuer Mitglieder aus Mitteleuropa in den Gremien der Europäischen Union auch die Zahl der Staaten erhöhen die den USA zuneigen ....`` (S. 284). In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass die USA seit dem 2. Weltkrieg bereits mit dem Marshall-Plan darauf hingearbeitet hat, in Europa die Nationalstaaten zugunsten einer leichter zu beherrschenden Grosseinheit abzuschaffen. So erklärte der US-Verteidigungsminister William S. Cohen am 10.10. 2000 an einem Informellen Treffen der NATO-Verteidigungsminister in Birmingham (www.defenselink.mil/speeches/2000/: "Wir betrachten diese Entwicklung einer ausländischen Sicherheitsdimension für die EU als einen natürlichen Teil des europäischen Integrationsprozessen, der nach dem 2. Weltkrieg begonnen hat; ein Prozess, den die USA bewusst schon seit 1947 gefördert hat, als sie die westeuropäischen Staaten dabei unterstützten, miteinander zu kooperieren - als Teil unserer Hilfe im Rahmen des Marshall-Planes.`` Brzezinski rechnet damit, dass der Prozess der EU-Erweiterung und der Ausdehnung des transatlantischen Sicherheitsbündnisses in wohlüberlegten Etappen voranschreiten`` wird (S. 126). Nach Rumänien und den baltischen Staaten werden nach 2005 auch Schweden und Finnland und bis 2010 die Ukraine den USA untergeordnet.

In diesem Zusammenhang kann man die Drohung von Albright gegen Österreich richtig einordnen. Sie erklärte dort nach der Konstituierung der neuen Regierung ganz offen, in innerstaatliche Angelegenheiten einzugreifen und die Bevölkerung gegen die Regierung aufwiegeln zu wollen. Offensichtlich befürchtete sie, dass die österreichische Regierung der Erweiterung der EU und der Einbindung in die NATO entgegenwirken könnte. Brzezinski schreibt dazu, dass die USA zu einem Eingreifen für die EU gezwungen seien, weil der Enthusiasmus innerhalb der europäischen Länder zu gross sei und Deutschland und Frankreich mit ihren verschiedenen Interessenlagen den Zusammenschluss hinauszögern. (S. 92-94) Gernot Erler, der aussenpolitische Sprecher der SPD, erklärte im Österreich Gespräch des ORF (15.3.2000) zu den eigentliche Ursachen der Massnahmen gegen Österreich ganz offen: "Wir kommen jetzt in eine entscheidende Phase der europäischen Integration. Jetzt stehen wirkliche Entscheidungen an (Personenfreizügigkeit und Zerstörung der Bauernschaft) und da ist ein Sache ganz schwer auszuhalten: Dass jetzt ausgerechnet Österreich, das von der Wirkung her besonders wichtig ist für die osteuropäischen und mitteleuropäischen Staaten, die jetzt in der vordersten Reiche des Erweiterungsprozesses stehen, Signale aussendet, die schädlich sind.... Wir wollen erreichen, dass Österreich seine Rolle im Erweiterungsprozess einnimmt. Da ist der Hintergrund für diese Massnahmen. Das ist ein Notmassnahme, nichts anderes`` Es geht also nicht um Faschismus oder ähnliche Gefahren, sondern einzig darum, dass es in Europa niemanden mehr geben darf, der gegen die EU ist - und dafür werden die illegalen Sanktionen als Notmassnahme deklariert. Und wenn sich jemand dagegen wehrt, darf mit dieser Begründung auch Gewalt angewendet werden.

Damit haben die USA und die EU-Staaten gezeigt, worum es in Zukunft gehen soll: Die europäischen Völker sollen als Vasallen der USA die Beherrschung des eurasischen Kontinents bezahlen und durchsetzen. Hervorstechende Rollen in dieser machtgierigen Unterdrückung der Völker sollen Deutschland und Frankreich einnehmen. Sie sollen die Avantgarde in Europa darstellen, die zusammen mit Polen und der Ukraine von den USA besondere Vorrechte eingeräumt bekommen, wie dies Brzezinski auf einer Landkarte deutlich macht (S. 128). Betrachtet man in diesem Licht die Militärs und Politiker vion Deutschland und Frankreich, die seit wenigen Jahren wieder viel unverfrorener gegenüber anderen in Herrschaftsmanier auftreten, wird deutlich, dass die Pläne, die Brzezinski so offen vorträgt, in die Tat umgesetzt werden.

Wenn Europa im Sold der USA ganz Asien beherrschen, also Angriffskriege führen soll, braucht es genügend willfährige Söldner. Dafür eignet sich eine Wehrpflichtarmee nicht, die in demokratischen Ländern zu Verteidigung von Freiheit und Eigenständigkeit gerechtfertigt werden kann, aber als Herrschaftsinstrument schwer brauchbar ist. Folgerichtig werden die Armeen der Nato-Mitgliedsstaaten systematisch in Berufsarmeen umgewandelt. Denken Sie daran, dass England und die USA diesen Schritt schon lange gemacht hat, dass Spanien 2002 die letzten Wehrpflichtigen dienen lässt, dass Italien diesen Schritt gerade beschlossen hat und Deutschland bis Ende Jahr einen Beschluss fassen will, der weitgehend dahin führen wird. Auch kann man sich besser erklären, warum Fischer und Chirac so offen ihre Herrschaftsansprüche gegenüber den anderen europäischen Völker aussprechen. Deutschland, das im Grundgesetzt festschreibt, keine Angriffkriege zu führen, stellt offenbar eine wichtige Hürde dar. Doch Rudolf Scharping offenbarte sich in einer Stellungnahme als untertänigster Erfüllungsgehilfe amerikanischer Forderungen an Deutschland. In einer Begründung dafür, warum er gegen den starken Wunsch der USA nicht Nato-Generalsekretär werden wolle erklärte er im Zusammenhang mit dem Umbau der Bundeswehr zu einer Angriffsarmee: Ïch wollte nicht von aussen Anforderungen an die Deutschen stellen, die ich am besten von innen erfüllen kann.`` (Die Zeit 13. Juli 2000). Liegt es an dieser Servilität der SPD, dass die spin-doctors angelsächsischer Prägung den Wahlkampf in Deutschland amerikanisierten und Schröder zum Gewinner 1998 in Deutschland machten?

An dem starken Interesse der USA an der Herrschaft der EU über die europäischen Bürger lässt sich auch erklären, warum so starke Kräfte daran sind, die EU an der Regierungskonferenz am 7. und 8. Dezember in Nizza dahingehend umzubauen, dass die grossen Staaten ihren Einfluss stark erhöhen und die demokratisch nicht legitimierte EU-Kommission und deren Präsident die Politik der EU viel umfassender bestimmen sollen. Dort sollen auch die konkreten Pläne für eine europäische Angriffstruppe von mindestens 150 000 Mann beschlossen werden. Und zur Unterdrückung von Widerstand innerhalb der EU wollen die marxistisch denkenden Regierungschefs ein Verfahren begründen, mit dem nicht-konforme Länder bestraft werden können. Zur Begründung ziehen sie die demokratisch nicht legitimierten drei Politkommissare (drei Weise) heran, die Österreichs Willfährigkeit gegenüber der EU beurteilten.

Die Bürger Europas, die sich für direkte Demokratie, für Freiheit, für das Selbstbestimmungsrecht, für die Menschenrechte und für den Frieden auf der Welt einsetzen wollen, können sich dieser Instrumentalisierung Europas für den Allmachtswahn nicht beugen. Für sie geht es darum, Eigenständigkeit gegenüber den USA zu entwickeln, die EU abzuschaffen und durch die Efta zu ersetzen, die sich zum Ziel gesetzt hat, wirtschaftliche Verbesserungen zu erzielen ohne die Souveränität der Völker aufzuheben, die direkte Bürgerbeteiligung in allen Belangen zu gewährleisten, der Aufrüstung entgegenzutreten, die bewaffnete Neutralität vieler Staaten festzuschreiben und stattdessen zivile Hilfe für weltweite Konflikte anzubieten, die Souveränität der Staaten durch das Völkerrecht zu erhalten und wiederzugewinnen und die Menschenrechte, wie sie in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte niedergelegt sind, zu verteidigen. Ein wichtiger Schritt dazu ist die Unterstützung des Volksbegehrens in Österreich für eine Abstimmung über den EU-Austritt. Alle Bürger Österreichs können sich vom 29. November bis 6. Dezember auf ihrem Magistrat eintragen. Die Bürger aller europäischen Länder sollten ihre Freunde in Österreich darauf aufmerksam machen, damit die notwendigen 100 000 Unterschriften zusammenkommen..

Die Enthüllungen eines ehemaligen Carter-Beraters*

Ja, die CIA war vor den Russen in Afghanistan …

Le Nouvel Observateur: Der ehemalige CIA-Direktor Robert Gates behauptet in seinen Memoiren: Die amerikanischen Geheimdienste haben sechs Monate vor der sowjetischen Intervention begonnen, die Mudshaheddin zu unterstützen. Damals waren Sie Präsident Carters Sicherheitsberater; Sie haben also eine Schlüsselrolle in dieser Affäre gespielt. Bestätigen Sie die Aussage?

Zbigniew Brzezinski: Ja. Der offiziellen Version der Geschichte zufolge hat die Unterstützung der CIA für die Mudshaheddin im Verlaufe des Jahres 1980 begonnen, das heißt nach dem Einmarsch der Sowjetarmee in Afghanistan vom 24.12.1979. Aber die Realität, die bis heute geheim gehalten wurde, ist eine völlig andere: Tatsächlich hat Präsident Carter am 3. Juli 1979 die erste Direktive zur heimlichen Unterstützung der Opposition gegen das prosowjetische Regime in Kabul unterzeichnet. Und am gleichen Tag habe ich dem Präsidenten eine Note geschrieben, in der ich ihm erklärte, dass diese Unterstützung meiner Ansicht nach eine militärische Intervention der Sowjets nach sich ziehen würde.

N.O.: Trotz dieses Risikos waren Sie ein Anhänger dieser »covert action«. Aber haben Sie vielleicht sogar diesen Kriegseintritt der Sowjets erhofft und ihn zu provozieren versucht?

Z.B.: Ganz so ist es nicht. Wir haben die Russen nicht gedrängt zu intervenieren, aber wir haben wissentlich die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass sie es tun.

N.O.: Als die Sowjets ihre Intervention mit der Behauptung gerechtfertigt haben, sie kämpften gegen eine geheime Einmischung der USA in Afghanistan, hat ihnen niemand geglaubt. Dennoch gab es einen wahren Kern … Bedauern Sie heute nichts?

Z.B.: Bedauern – was? Diese Geheimoperation war eine ausgezeichnete Idee. Sie hat die Russen in die afghanische Falle gelockt, und Sie möchten, dass ich das bedaure? An dem Tag, als die Sowjets offiziell die Grenze überschritten, habe ich Präsident Carter im Kern geschrieben: »Wir haben jetzt die Gelegenheit, der UdSSR ihren Vietnamkrieg zu verschaffen.« In der Tat hat Moskau fast zehn Jahre lang einen für das Regime unerträglichen Krieg führen müssen, einen Konflikt, der die Demoralisierung und letztendlich das Auseinanderbrechen des sowjetischen Imperiums nach sich gezogen hat.

N.O.: Bedauern Sie auch nicht, den islamischen Fundamentalismus gefördert und zukünftigen Terroristen Waffen und Rat geliefert zu haben?

Z.B.: Was ist denn das Wichtigste im Hinblick auf die Weltgeschichte? Die Taliban oder der Fall des Sowjetimperiums? Einige islamische Hitzköpfe oder die Befreiung Mitteleuropas und das Ende des Kalten Krieges?

N.O.: »Einige Hitzköpfe«? Aber man sagt und man wiederholt es: der islamische Fundamentalismus stellt heute eine weltweite Bedrohung dar …

Z.B.: Blödsinn! Es sei nötig, heißt es, dass der Westen eine globale Politik dem Islamismus gegenüber habe. Das ist Unsinn: es gibt keinen globalen Islamismus. Betrachten wir doch den Islam auf rationale und nicht auf demagogische oder emotionale Weise. Er ist die erste Weltreligion mit 1,5 Milliarden Gläubigen. Aber was gibt es denn an Gemeinsamem zwischen dem fundamentalistischen Saudi-Arabien, dem gemäßigten Marokko, dem militaristischen Pakistan, dem prowestlichen Ägypten oder dem säkularisierten Mittelasien? Nicht mehr als was auch die Länder der Christenheit verbindet…

 

Propos recueillis par Vincent Jauvert (1) « From the Shadows », par Robert Gates, Simon and Schuster. (2) Zbigniew Brzezinski vient de publier « le Grand Echiquier », Bayard Editions.

Vincent Jauvert

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Kurzbeschreibung: "Einer der führenden außenpolitischen Denker der USA [Sicherheitsberater des früheren US-Präsidenten Carter, heute Professor für Amerikanische Außenpolitik] beschreibt in bemerkenswerter Nüchternheit Amerikas Strategie der weltweiten Vorherrschaft - und die Rolle, die Europa (und Deutschland) darin spielen darf."

 

Leseprobe

Zbigniew Brzezinski, Die einzige Weltmacht (1997)

- Hervorhebungen nicht im Originaltext -


SCHLUSSFOLGERUNGEN

Es ist an der Zeit, daß Amerika eine einheitliche, umfassende und langfristige Geostrategie für Eurasien als Ganzes formuliert und verfolgt. Diese Notwendigkeit ergibt sich aus dem Zusammenwirken zweier grundlegender Faktoren: Amerika ist heute die einzige Supermacht auf der Welt, und Eurasien ist der zentrale Schauplatz. Von daher wird die Frage, wie die Macht auf dem Eurasischen Kontinent verteilt wird, für die globale Vormachtstellung und das Historische Vermächtnis Amerikas von entscheidender Bedeutung sein.

Amerikas globale Vorherrschaft ist in ihrer Ausdehnung und in ihrer Art einzigartig. Sie ist eine Hegemonie neuen Typs ... In weniger als einem Jahrhundert zustande gekommen, zeigt sie sich vor allem in der Beispiellosen Rolle Amerikas auf der eurasischen Landmasse, wo bisher alle früheren Konkurrenten um die Weltmacht ihren Ursprung hatten. Amerika ist nun der  Schiedsrichter Eurasiens, und kein größeres eurasisches Problem läßt sich ohne die Beteiligung der USA oder gegen ihre Interessen lösen.

Ausschlaggebend für die Dauer und Stabilität der amerikanischen Weltmachtstellung wird sein, wie die Vereinigten Staaten die wichtigsten geostrategischen Spieler auf dem eurasischen Schachbrett einerseits steuern und ihnen andererseits entgegenkommen, und wie sie mit den entscheidenden geopolitischen Dreh- und Angelpunkten umzugehen verstehen. In Europa werden Deutschland und Frankreich auch weiterhin die Schlüsselfiguren sein, und Amerika sollte sich bemühen, den bestehenden demokratischen Brückenkopf an der westlichen Peripherie Eurasiens zu festigen und zu erweitern. Im Fernen Osten Eurasiens wird wahrscheinlich China immer stärker in den Mittelpunkt des Geschehens treten, und Amerika wird auf dem asiatischen Festland politisch nicht Fuß fassen können, wenn es nicht erfolgreich auf einen geostrategischen Konsens mit China hinarbeitet. In der Mitte Eurasiens wird der Raum zwischen einem sich erweiternden Europa und einem regional aufstrebenden China geopolitisch solange ein Schwarzes Loch bleiben, wie sich Rußland noch zu keiner ostimperialen Selbstdefinition durchgerungen hat, während die Region südlich von Rußland - der eurasische Balkan - ein Hexenkessel ethnischer Konflikte und Großmacht-Rivalitäten zu werden droht.

Vor diesem Hintergrund wird Amerikas Status als führende Weltmacht in absehbarer Zeit - für mehr als eine Generation - wohl von keinem Herausforderer angefochten werden. Kein Nationalstaat dürfte sich mit den USA in den vier Schlüsselbereichen der Macht (militärisch, wirtschaftlich, technologisch und kulturell) messen können, die gemeinsam die entscheidende globale politische Schlagkraft ausmachen. Außer einer bewußten oder unfreiwilligen Abdankung Amerikas ist in absehbarer Zeit die einzig reale Alternative zur Globalen Führungsrolle der USA die internationale Anarchie...

Die ... Gefahren für eine globale Stabilität werden durch die Aussicht auf eine allgemeine Verschlechterung der menschlichen Lebensbedingungen noch vergrößert. Vor allem in den ärmeren Ländern der Welt lassen Bevölkerungsexplosion und gleichzeitige Verstädterung das Heer der Benachteiligten und der Abermillionen arbeitsloser und immer unruhiger werdender junger Leute unaufhaltsam anwachsen, deren Frustrationspegel rasend steigt. Die modernen Medien verstärken den Bruch, den diese jungen Leute gegenüber traditionellen Autoritäten vollziehen, und führen ihnen die krasse Ungleichheit auf der Welt vor Augen. Das schürt ihren Unmut und macht sie für extremistische Rattenfänger anfällig. Einerseits könnte das Phänomen weltweiter  Wanderungsbewegungen, die bereits in die zehn Millionen gehende Menschen umfaßt, für einige Zeit als Sicherheitsventil wirken, andererseits werden dadurch auch ethnische und soziale Konflikte von einem Kontinent auf den anderen übertragen...

Eine amerikanische Geostrategie für Asien wird sich folglich gegen die Kräfte des Chaos behaupten müssen. In Europa gibt es Anzeichen dafür, daß der Impuls zu Integration und Erweiterung nachläßt und die alten europäischen Nationalismen bald wieder aufleben könnten. Selbst in den erfolgreichsten europäischen Staaten dauert die Massenarbeitslosigkeit unvermindert an und erzeugt ausländerfeindliche Reaktionen, die in der deutschen oder französischen Politik einen plötzlichen Rechtsruck und chauvinistische Tendenzen herbeiführen könnten. Es wäre in der Tat denkbar, daß dort eine vorrevolutionäre Lage entsteht. Der historische Zeitplan für Europa, wie er in Kapitel 3 skizziert wurde, wird nur dann eingehalten werden können, wenn die Vereinigten Staaten Europas Einigungsbestrebungen nachhaltig ermuntern, ja sogar anspornen.

Die Ungewißheiten über die Zukunft Rußlands sind noch größer und die Aussichten auf eine positive Entwicklung viel geringer. Darum muß Amerika unbedingt einen geopolitischen Rahmen entwerfen, der Rußlands Assimilation an einen von wachsender europäischer Zusammenarbeit geprägten Hintergrund Rechnung trägt und der außerdem die selbstbewußte Unabhängigkeit seiner neuerdings souveränen Nachbarn fördert. Doch ob die Ukraine oder Usbekistan  gar nicht zu reden vom ethnisch zweigeteilten Kasachstan) als unabhängige Staaten überleben können, bleibt ungewiß, zumal wenn neue Krisen innerhalb Europas, wie etwa die wachsende Kluft zwischen der Türkei und der EU oder feindseliger werdende Töne im amerikanisch-iranischen Verhältnis die Aufmerksamkeit der USA ablenken sollten.

Die Möglichkeit, daß es schließlich doch zu einer großen Einigung mit China kommt, könnte durch eine zukünftige Taiwan-Krise zunichte werden der weil innenpolitische Turbulenzen ein aggressives, feindseliges Regime in Peking an die Macht bringen, beziehungsweise weil sich die amerikanisch-chinesischen Beziehungen als Fehlschlag erweisen. China könnte dann zu einer äßerst destabilisierenden Kraft in der Welt werden, das amerikanisch-japanische Verhältnis enorm belasten und vielleicht auch in Japan eine zerrüttende geopolitische Orientierungslosigkeit auslösen. In einem solchen Szenario wäre zweifellos die Stabilität Südostasiens in Gefahr...

Eine Geostrategie für Eurasien

Die hierfür erforderliche Politik muß zuallererst die drei bislang nie dagewesenen Bedingungen ungeschminkt zur Kenntnis nehmen, von denen das Weltgeschehen geopolitisch derzeit bestimmt wird: zum ersten Mal in der Geschichte ist (l) ein einzelner Staat die wirkliche Weltmacht, hat (2) ein außereurasischer Staat weltweit diese Vormachtstellung inne und wird (3) der zentrale Schauplatz der Welt, Eurasien, von einer außereurasischen Macht dominiert.

Eine umfassende und einheitliche Geostrategie für Eurasien muß allerdings auf der Einsicht gründen, daß auch der Macht Amerikas Grenzen gesetzt sind und daß mit der Zeit Verschleißerscheinungen unvermeidlich sind. Wie schon erwähnt, setzen allein die schiere Größe und Vielfalt Eurasiens wie auch die potentielle Macht einiger seiner Staaten dem Einfluß Amerikas und dem Ausmaß seiner Kontrolle über den Gang der Ereignisse Grenzen. Dieser Umstand erfordert geostrategisches Verständnis und den bewußt selektiven Einsatz amerikanischer Ressourcen auf dem riesigen eurasischen Schachbrett. Und da die beispiellose Macht der USA mit der Zeit notgedrungen abnimmt, muß es in erster Linie darum gehen, mit dem Aufkommen anderer regionaler Mächte so zurechtzukommen, daß Amerikas globale Vormachtstellung nicht bedroht wird.

Wie beim Schach müssen Amerikas globale Strategen etliche Züge im voraus durchdenken und mögliche Züge des Gegners vorwegnehmen. Eine konsequente Geostrategie muß daher zwischen kurzfristiger Perspektive (grob gesagt, für die nächsten fünf Jahre), einer mittelfristigen (bis zu zwanzig Jahren in etwa) und einer langfristigen (über zwanzig Jahre hinaus) Perspektive unterscheiden. Zudem dürfen diese Zeitabschnitte nicht als in sich abgeschlossen betrachtet werden, sondern als Teil eines Kontinuums. Die erste Phase muß allmählich und stetig in die zweite überleiten - ja, muß bewußt auf sie ausgerichtet sein, und die zweite muß entsprechend in die dritte übergehen.

Kurzfristig ist es in Amerikas Interesse, den derzeit herrschenden Pluralismus auf der Landkarte Eurasiens zu festigen und fortzuschreiben. Dies erfordert ein hohes Maß an Taktieren und Manipulieren, damit keine gegnerische Koalition zustande kommt, die schließlich Amerikas Vorrangstellung in Frage stellen könnte, ganz abgesehen davon, daß dies einem einzelnen Staat so schnell nicht gelänge. Mittelfristig sollte die eben beschriebene Situation allmählich einer anderen weichen, in der auf zunehmend wichtigere, aber strategisch  kompatible Partner größeres Gewicht gelegt wird, die, veranlaßt durch die Führungsrolle Amerikas, am Aufbau eines kooperativeren transeurasischen Sicherheitssystems mitwirken können. Schließlich, noch längerfristiger gedacht, könnte sich aus diesem ein globaler Kern echter gemeinsamer politischer Verantwortung herausbilden.

Zunächst besteht die Aufgabe darin sicherzustellen, daß kein Staat oder keine Gruppe von Staaten die Fähigkeit erlangt, die Vereinigten Staaten aus Eurasien zu vertreiben oder auch nur deren Schiedsrichterrolle entscheidend zu beeinträchtigen. Die Festigung des transkontinentalen geopolitischen Pluralismus sollte jedoch nicht Selbstzweck sein, sondern nur dem mittelfristigen Ziel, echte strategische Partnerschaften in den Schlüsselregionen Eurasiens zu bilden, dienen. Es ist nicht anzunehmen, daß ein demokratisches Amerika sich auf Dauer der schwierigen, aufreibenden und kostspieligen Aufgabe zu widmen gewillt sein wird, Eurasien durch dauerndes Taktieren und Manipulieren in den Griff zu bekommen, und dabei weltweit seine militärischen Ressourcen einsetzt, um die regionale Dominanz irgendeiner Macht zu verhindern. Die erste Phase muß daher logisch und planvoll in die zweite überleiten, eine Phase, in der eine friedliche Hegemonie der USA andere auch weiterhin davon abhält, diese in Frage zu stellen, weil zum einen der Preis, den sie dafür bezahlen müßten, zu hoch ist und zum andern Amerika die vitalen Interessen derer, die in Eurasien regionale Zielsetzungen verfolgen, nicht bedroht.

Mittelfristig geht es darum, echte Partnerschaften zu fördern, allen voran jene mit einem geeinteren und politisch klarer definierten Europa und mit einem regional beherrschenden China, sowie mit (so ist zu hoffen) einem ostimperialen und nach Europa hin orientierten Rußland und am südlichen Rand Eurasiens mit einem, auf die Region stabilisierend wirkenden, demokratischen Indien. aber wie das Umfeld aussehen wird, das Rußlands Rolle bestimmt, hängt davon ab ob es gelingt, umfassendere strategische Beziehungen mit Europa Beziehungsweise China zu schmieden oder nicht.

Daraus folgt, daß ein größeres Europa und eine erweiterte NATO den kurz- und längerfristigen Zielen der US-Politik durchaus dienlich sind. Ein größeres Europa wird den Einflußbereich Amerikas erweitern - und mit der Aufnahme neuer Mitglieder aus Mitteleuropa in den Gremien der Europäischen Union auch die Zahl der Staaten erhöhen, die den USA zuneigen -, ohne daß ein politisch derart geschlossenes Europa entsteht, das bald schon die Vereinigten Staaten in für sie bedeutsamen geopolitischen Belangen anderswo, insbesondere im Nahen Osten, herausfordern könnte. Ein politisch klar definiertes Europa ist nicht zuletzt für die fortschreitende Einbindung Rußlands in ein System globaler Zusammenarbeit unverzichtbar.

Amerika kann allein kein geeinteres Europa schaffen - das ist Sache der Europäer, allen voran der Franzosen und Deutschen -, Amerika kann aber das Entstehen eines geeinteren Europa behindern. Und dies könnte sich für die Stabilität in Eurasien und somit für Amerikas eigene Interessen als fatal erweisen. In der Tat droht Europa, wenn es nicht zu einer Einheit kommt, wieder zu zerfallen. Folglich ist es, wie oben dargelegt, lebenswichtig, daß Amerika sowohl mit Deutschland als auch mit Frankreich eng zusammenarbeitet, auf ein politisch lebensfähiges Europa hin, das gleichwohl mit den USA verbunden bleibt und den Geltungsbereich des internationalen Systems demokratischer Zusammenarbeit ausdehnt. Ohne Europa wird es kein transeurasisches system geben.

Praktisch heißt das: Es muß allmählich eine Übereinkunft über eine gemeinsame Führung in der NATO erzielt, Frankreichs Interesse an einer Rolle Europas nicht nur in Afrika, sondern auch im Nahen Osten stärker berücksichtigt und eine Osterweiterung der EU anhaltend unterstützt werden, selbst wenn die EU ein politisch wie wirtschaftlich selbstbewußterer global player werden sollte. Ein transatlantisches Freihandelsabkommen, das bereits eine Reihe prominenter Staatsmänner des Atlantischen Bündnisses befürworten, könnte außerdem das Risiko verringern, daß es auf wirtschaftlichem Gebiet zu immer stärkeren Rivalitäten zwischen einer geeinteren EU und den Vereinigten Staaten kommt...

Die Erweiterung von NATO und EU hätte wohl überdies zur Folge, daß die Europäer sich wieder stärker ihrer Verantwortung für die Welt bewußt werden, und zugleich, zum Nutzen Amerikas wie Europas, die durch die erfolgreiche Beendigung des Kalten Krieges gewonnenen Vorteile der Demokratie, festigen. Bei dieser Bemühung steht nichts weniger auf dem Spiel als Amerikas langfristiges  Verhältnis zu Europa. Ein neues Europa muß erst noch Gestalt annehmen, und wenn dieses neue Europa geopolitisch ein Teil des »euro-atlantischen« Raums bleiben soll, ist die Ausdehnung der NATO unumgänglich ... Ja, das Scheitern einer von den USA getragenen Bemühung, die NATO auszudehnen, könnte sogar ehrgeizigere russische Wünsche wieder aufleben lassen. Es ist noch keineswegs klar ersichtlich - und steht im krassen Gegensatz zu dem, was uns die Geschichte lehrt -, ob die politische Elite Rußlands Europas Wunsch nach einer starken und dauerhaften politischen und militärischen Präsenz der USA teilt. Während man also ein zunehmend kooperatives Verhältnis zu Rußland unbedingt anstreben sollte, ist es wichtig, daß Amerika über seine globalen Prioritäten keinen Zweifel aufkommen läßt. Sollte zwischen einem größeren euroatlantischen System und einer besseren Beziehung zu Rußland eine Wahl getroffen werden müssen, hat ersteres für Amerika weitaus höher zu rangieren.

Sowie Mitteleuropa der NATO beitritt, muß jede neue Sicherheitsgarantie, die Rußland vom Westen in Bezug auf die Region gewährt wird, wirklich gegenseitig und somit für beide Seiten beruhigend sein... Während alle neuen unabhängigen westlichen Nachbarn Rußlands auf ein stabiles und kooperatives Verhältnis zu Rußland erpicht sind, haben sie aus historisch verständlichen Gründen vor Moskau eigentlich immer noch Angst. Daher würde das Zustandekommen einer fairen NATO-EU-Vereinbarung mit Rußland von allen Europäern als ein Signal dafür begrüßt werden, daß Rußland endlich die gewünschte  ostimperiale Wahl zugunsten Europas trifft.

Diese Entscheidung könnte den Weg zu einem umfassenderen Bemühen ebnen, Rußlands Status und Ansehen zu verbessern. Die förmliche Mitgliedschaft bei den G7-Staaten, die das Land seit Juli 1997 erlangt hat, sowie die Aufwertung des politischen Apparates der OSZE (in der ein spezieller Sicherheitsausschuß, bestehend aus Amerika, Rußland und verschiedenen europäischen Schlüsselländern, eingerichtet werden könnte), würde den Russen Gelegenheit geben, am aufbau von politischen und Sicherheitsstrukturen in Europa konstruktiv mitzuwirken...

Rußlands langfristige Rolle in Eurasien wird weitgehend von der historischen Entscheidung abhängen, die es um seines eigenen nationalen Selbstverständnisses willen vielleicht noch in diesem Jahrzehnt fallen muß. Selbst wenn Europa und China den Radius ihrer jeweiligen Einflußsphäre erweitern, wird Rußland dennoch der größte Flächenstaat der Erde bleiben. Er umfaßt zehn Zeitzonen und ist flächenmäßig doppelt so groß wie die Vereinigten Staaten oder China und stellt in dieser Hinsicht sogar ein erweitertes Europa in den Schatten. Gebietseinbußen sind somit nicht Rußlands Hauptproblem. Vielmehr muß das riesige Rußland der Tatsache ins Auge sehen, daß Europa und China beide schon heute Wirtschaftlich mächtiger sind und China es noch dazu auf dem Weg zu einer modernisierung der Gesellschaft zu überholen droht. Daraus muß Rußland die richtigen Schlußfolgerungen ziehen.

Unter diesen Umständen sollte sich die politische Führung in Moskau deutlicher darüber bewußt werden, daß Rußland in erster Linie  sich selbst modernisieren muß, anstatt sich auf nutzlose Bemühungen einzulassen, seinen früheren Status als Weltmacht wiederzuerlangen. Angesichts der enormen  Ausdehnung und Vielfalt des Landes würde wahrscheinlich ein dezentralisiertes politisches System auf marktwirtschaftlicher Basis das kreative potential des russischen Volkes wie der riesigen Bodenschätze des Landes besser zur Entfaltung bringen. Umgekehrt wäre ein dezentralisierteres Rußland weniger anfällig für imperialistische Propaganda...

Eine klare Entscheidung Rußlands für die europäische Option und gegen die eines großrussischen Reiches wird dann wahrscheinlicher, wenn Amerika erfolgreich die zweite, unbedingt erforderliche Linie seiner Strategie gegenüber Rußland verfolgt: nämlich den derzeit herrschenden geopolitischen Pluralismus im postsowjetischen Raum zu stärken, um damit allen imperialen Versuchungen den Boden zu entziehen. Ein postimperiales und auf Europa orientiertes  Rußland sollte Bemühungen Amerikas in dieser Richtung als hilfreich für die festigung regionaler Stabilität und die Verringerung von Konfliktmöglichkeiten entlang seiner neuen, potentiell instabilen südlichen Grenzen begrüßen. aber die Politik der Konsolidierung eines geopolitischen Pluralismus sollte keineswegs von einem guten Verhältnis zu Rußland abhängig gemacht werden. Sie ist vielmehr eine wichtige Versicherung für den umgekehrten Fall, daß sich ein solches gutes Verhältnis nicht entwickelt, da sie dem Wiederaufleben jeder wirklich bedrohlichen Großmachtpolitik von selten Rußlands Hindernisse in den Weg legt.

Folgerichtig ist die politische und wirtschaftliche Unterstützung der neuen unabhängigen Schlüsselstaaten ein fester Bestandteil einer umfassenderen Strategie für Eurasien. Die Konsolidierung einer souveränen Ukraine, die sich inzwischen als mitteleuropäischer Staat versteht und sich an einer engeren Integration mit Mitteleuropa beteiligt, ist eine ganz wesentliche Komponente einer solchen Politik. Dasselbe gilt für den Aufbau engerer Beziehungen zu strategischen Achsenstaaten wie Aserbaidschan und Usbekistan, ganz abgesehen von dem allgemeineren Bemühen, Zentralasien (allen Behinderungen Moskaus zum Trotz) dem Weltmarkt zu öffnen.

Großangelegte internationale Investitionen in eine immer besser zugängliche kaspisch-zentralasiatische Region würden nicht nur zur Konsolidierung dieser neuen Länder beitragen, vielmehr dürfte auch ein postimperiales und demokratisches Rußland langfristig davon profitieren. Die Erschließung der Energiequellen und Bodenschätze der Region förderte Wohlstand und würde ein stärkeres Stabilitäts- und Sicherheitsbewußtsein in diesem Gebiet erzeugen; damit ließen sich vielleicht die Risiken balkanähnlicher Konflikte verringern...

Bei der Förderung eines stabilen und unabhängigen südlichen Kaukasus und Zentralasiens muß Amerika darauf achten, daß die Türkei nicht vor den Kopf gestoßen wird, und sollte ausloten, ob sich seine Beziehungen zum Iran  verbessern lassen. Eine Türkei, die sich von Europa, dem sie sich anschließen wollte, ausgestoßen fühlt, wird eine islamischere Türkei werden, sie aus reinem Trotz ihr Veto gegen die NATO-Erweiterung einlegen dürfte und weniger bereit sein wird, in Zusammenarbeit mit dem Westen, ein laizistisches Zentralasien zu stabilisieren und in die Weltgemeinschaft zu integrieren.
Demgemäß sollte Amerika seinen Einfluß in Europa für einen Beitritt der Türkei geltend machen und darauf achten, daß die Türkei als europäischer Staat behandelt wird ... Regelmäßige Konsultationen mit Ankara über die Zukunft des kaspischen Beckens und Zentralasiens würden in der Türkei ein Bewußtsein strategischer Partnerschaft mit den Vereinigten Staaten fördern.

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Brzezinski, Zbigniew, Die einzige Weltmacht. Amerikas Strategie der Vorherrschaft
311 S. - Taschenbuch, Preis: DM 19,90, ISBN 3596143586, =Fischer-Taschenbuch-Verlag, 1999; Leseprobe S. 277-291

 

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